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MUSKEGON, MICHIGAN May 25m 1888.

NrAR I IDDADTS

Ber Salon für Lileralut, Kunſt und Geſellſchaſt

Herausgegeben

3. 8. Payne

Sand 1. 1889.

Seipzig- Reudnitz, Verlag von A. 9. Payne 1889,

Ss 144 Ar [a y Sülrenr,

u

/

Inhalt des erſten Bandes.

Des {höne Wälberfind. Ein Lebenebilb von Benno Rüttenaner . . . Eine unkefannte Boffsliteratur. Bon Guſtav Karpeled. . . .... 18

Bilder aus Weft-Gibirien. Bon Dr. Hermann —B nn 32 Auferflanden. Novelfette von T. Tihärnan. . . Pa} Theodor Storm. Bon P. Aamufjen . - . ....68 Unwiberftehlih. Gedicht von A. von Reigenau . ...78 Die Berliner Kunſtausſtellung. Bon Robert Diette Pau ER 7T Lieb. Bon Rudolf Knuffert. . . . . Pa} Aus Defterreih. Reiſeſtige von * FH... ”“ Iagdglüd. Eine Sportgeihichte. Von Waldemar Stropp FE 121 Rahllänge an Bayreuth. Bon Ferdinand Bfohl-keipig . - . . . . 134 Das moderne nordiſche Drama. Bon Joh. Beterfen. . 2... . 155 Ein Bogel. Cebit von Benno Rüttenaner . . 2 2 2 =... 167 Cine vornehme Heirat. Bon Ludwig Haleoy . . 2... 168 Logerfeben in den Prärien. Bon A. 9. son ven. 188 Im Balve. Gediht von D. Saul . . EEE Ein Literarhiforiler. Bon Mar Bogler 2.22.0202... 206 Meertraum. Gedicht von Hermann dirfhfeld. . 211 Die Iubiliums-Gewerbe-Ausfellung in Wien. Bon Mar: » Beißentpurn 212 Der Than. Gedicht von Rudolf Knuffert . . .. 218 zu Kaſernengeſpenſt. Humoresle von Karl Georges en. 2a Die Berggnelle. Gedicht von Frida Schwab . 209 Emf von Wildenbrud als dramatiſcher Dichter. Aritiſche Sri von aan Branfemetter . . . 2 Die Iefpten Tage volieirts. Vor Richard George EEE Menjenthum. Gedicht von Alfreb Friedmann . . . 2.2... .

Zaube Bliten. Bon Clara Müller-Colberg.

Meflolins. Gedicht von Hermann Hirfhfeld .

Ueber dwörter. Bon Dr. Karl Banli . .

Bhotographien aus dem Offiziersleben. Bon A. von Geridorf

Frida von Schüg. Bon Anna Löhn-Siegel . . .

Münden im Jahre 1888. Bon Adolf Sleiigmann.

Eine Beiberlaune. Bon Natalie Gluth .

Karl Guttomw und das Gutztow · Dentmal Bon Dr. Aboiph eobut

Zu dienen ber Kunſt. Gedicht von Wilhelm Arent . .

Abmont. Bon A. €. 9. Röttinger . .

Eine Mutter. Nah dem Dänifhen von A. Steenbuch

Zauber der Weihenacht. Gedicht von Wilhelm Arent

Auf Capri. Plaudereien von Anton Andrea . .

Friedrich Hölverlin. Ein Lebensbilb von Dr. Emil Traut

Sharon. Gedicht von Zantippus . .

Beitskitner aus dem Südoflen Europas. Bon Some von Tolt- Boron auenhand. Bon Baronin Gildern g in Berlin. Eine Studie von C. Trog Schreiber. Roveliette von dermance » er 12 1888. Bon . und Jung. Bon ©. Kalmar ! ber Scheidung. Novelle von Eduard Müller . drei Verbrechen. Gedicht von Benno Rüttenauer . "iler a aus dem Süboften Europas. don Ku, von Zreit voron

aß). -

Stite Ein Genoſſe und Maler der Genies. Bon Dr. Adolph Kohut. ..*. 630 Mumenſchanz. Gedicht von Rihard George . . . . 641 Der Bater des modernen Klavierſpiels. Bon A. von Win terfel BD. 642 Marianela. Novelle von Perez Goldos. Dem ‚Spanifen naderzäßtt ı von Emil Jonas. . . 649 Henriette He. Bon Kigard George » 668 Aus alter Zeit ber Fiſcherei B . 678 &8 war ein Traum! Bon I. Engei “. . 684 An Adalbert Mattomely. Bon W. Arent. 693 B 64

Die Soffioni. Bon P. Beterjen Am Kamin. 220. Neueſte Moden .. .

"96. 219. 338." 453. 586. 699 113. 233.. 353. 473. 593. 709

Aunfblätter.

Stilivergnügt. Nah einem Driginal- gemälde von Mathias Symib.

Auf Recognoseirung. Nah einem Dri- ginalgemäfde von ‚Theodor Breid- w

Bie mir, fo ih Dir! Nad einem Driginalgemälde von C. Reichert.

Anfiht von Gahburg.

Dirndl und Dadjferl, Nach einem Ori- ginalgemäfbe von Adolf Eberle. Allein zu Haus. Nad einem Driginal«

gemälde von Th. Kleehaas. Unentfcieben. Die Befalin. Sonnenuntergang: Rach einem Original. gemäfde von R. Reinede. Eine Rovität. Nah eimem Drigmal- „gemälbe von 9. Kotfchenreiter. in Brü ch einem Original- —8 von H. Kotſchenreiter. Mutter und Kind. Nach einem Driginal- gemälde von’®. Laeverenz. Neujahrs- Bilder. Nah einer Original- jeihnung von Wilhelm Grögler.

Im der Chriſtnacht. Nach einer Originaf- zeihnung von Wilhelm Grögler.

Karl Gutzkows Porträtbüfte vom Ongkor- Dentmal in Dresden.

Sefpenftergefhichten. Nach einem Ori- ginalgemälde von Alfred Seifert.

Murillos „Unbefledte Eimpfängnig".

Bor der Soiree. Nach einem Driginal- gemälbe von Fr. Sonberland.

So zielte ich! Nach einem Originalgemälbe von Abolf Eberte.

Die Berbfüfften. Nach einem Originale gemälbe von Mar Liebling.

Einen Gruß an beinen Herm. Nah einem Driginalgemäfde von Carl Radler.

Männertren, Nach einem Originalgemäfbe von Jac. Leiften.

Neuigkeiten. Rad) einem Originalgemälbe von Heinz. Loſſow.

Gemſen auf ber Flucht vor bem Adler. Nah einem Vriginalgemälde von Morig Müller.

——

Deine, Google

Das ſchöne Wälderkind. Ein Lebensbild von Benno Rültenauer. L ın jchrieb in der Chriftenheit 1789. In der Niefenmwelt- ftadt an der Seine, im Herzen der europäijchen Civilifation, wie fie ſich felber nennt, fündigten immer uneubigere Bulfe, immer aufgeregtere, ftürmifchere Herzichläge bereit# die Krifis einer gewaltigen Krankheit an. In dem heiter grünen Winkel des Schwarzwaldes, in der reinlichen, ländlich idylliſchen Stadt des Breisgaus |pürte man noch nichts davon.

er blaue Himmel, eine goldene ——— und der Schloß⸗ berg mit ſeinen Blütenhecken lachten ſo freundlich als je über Frei— burg und ſeinem Münſter und ſchienen fo wenig als die harmloſen Leute unten in den Gafjen, Werkftätten, Schreibftuben und Wein- häufern eine Ahnung von ben welterfchütternden Ereignifjen zu

haben, welche dieſer Menfchenwelt fo nahe bevorftanden.

Die reinliche Salzgafje hinunter war fo heimlich), fo ftil. Der .

are Rinnenbach, welcher von der Dreifam her hindurch fließt, machte zeitweilig das einzige Geräufch hier. - Die Straße hatte ein vor- nehmes Ausfehen, nicht weniger die Häufer darin, der PBalaft der Öfterreichifchen Regierung, die Stabthöfe derer von Kageneck und Zandenberg und beſonders der ſchwere, rothfandfteinerne Renaifjance- . bau des Sifingifchen Palais mit feinem antiken Giebel und feiner verſchwommenen, zwergartigen Rokokoſkulptur auf ber Höhe bes Firftes. Vornehm fahen auch die beiden Männer aus, die in der Rähe des Palais in einem bejcheibenen Bürgerhauſe am offenen jenjter faßen.

Es war ein kindlich offenes, jonnigheiteres Geficht, das des inen Mannes. Der ſchöne Frühlingsmorgen war nicht freundlicher als die Züge in diefem Geficht, als diefe findlichen Augen, aus denen ine frohjelige, janfte Begeifterung ihre Reflexe ſpielen ließ, wie das Betterleuchten eines eben durch die Seele gezogenen Gedankens. Die ganze Haltung des ſchwächlich ſcheinenden Körpers, der im einen

Der Salon 1889. Heft I. Banb IL ı

Bas ſchõne Wälderkind.

weichen Schlafrof mit rofarothen Umſchlägen einen altväteriihen Armftuhl Hingegoffen war, ck faft weiblicher Weichheit und einer gewiſſen pe gkeit. Wollendet wurde dieſes Bild häuslicher Be— ie grüne, wollene Mütze, die behäbig nad) hinten in ihrer Form nicht undeutlih an die Kopfbe- womit man ben Dichter Petrarfa abgebildet fieht auch daran erinnern follte; denn der Mann, der ein Dichter, der die Liebe befungen und der mit deutfchen Anakreon ſich wohl neben einen Petrarka Im gemeinen Leben war er der Hofrath und Pro- rg Jakobi.

ver bildete einen durchgreifenben, ſehr interefjanten zierlih weichlichen Erſcheinung dieſes deutſchen it, Beſtimmtheit, und ein energiſcher Wille ſprachen erben, aber ungemein wohlwollenden männlichen anze Gejtalt uni ‚Saltung, die durch den kühnen tichen, j weren Ueberrods nur gewinnen konnten, ſich felbjt ruhenden, fertigen Charakter an. Diejer jeheimrath Koffer, markgräflich badifcher Ober»

E en.

lieber Schloffer“, fagte Jakobi, erwartungsvoll zu

(idend, „Sie haben fie geſehen? Und ich genieße

Glückes. Beneiden Sie mic, nicht darum, befter

ıen mein Herz, Sie willen, daß ich nie mempfinb-

3 Schöne, nie und doch Sie werben vielleicht

t Frevel gegen mein poetifcies Schaffen, gegen

enius ift feit ich dieſes Mädchen täglich ſehe,

ichmal vor, als ob feither alles nur ein Spielen 1

ngen geweſen wäre, ein leeres, lächerliches Spiel, {

nich erſt gelehrt hätte, was es heißt, das Schöne 1 feiner anyen Wahrheit und Unmittelbarfeit, in !

digen et ichfeit im warmen Herzen lebendig und

pfinden.... Nein, feien Sie unbejorgt, ich bin

er. Das Mädchen da drüben eh mic) ja eigent-

[ber ift e8 meine Schuld, daß fie mir wie eine

‚und e3 mir felig Bi Muthe wird, wenn ich ihr

ht jehe? Das ift der Zauber des Göttlichen, er Zuthun, und fteht nicht in der Macht unferes

3 jehen Sie, die Süße erfcheint oben am ſter

, fie ſteigt auf das Geſimſe, welch ein Fuͤßchen!

e ſtreckt ſich auf den Zehen in ihren grünen Pan-- Sie nur, die zierlichen Knöchel, und darüber,

indung! Was fagen Sie, verehrtefter Freund?“

1", antwortete Schloffer lächelnd, „doch... .“

t Iakobi, „eine Chloe, eine Daphne, eine Naide ift

yejehen, wie leicht, wie fylphenhaft fie die, Gaſſe

Y

Bas ſchõne Wälderkind. 3

herauf fam? Sie ſchwebte nur, und feine Spur von Kunft in allem, nur Natur, eine keuſche, göttliche Natur. Wie A: iös fie ihren feinen, ſchlanken Körper trägt! Ihr Gang. ift Hi Und diejes jiebliche, Eleine Köpfchen, dieſe tiefen, blauen, himmliſchen Augen, ül die fie immer die großen Wimpern heruntergejenft Hat, wie heilige Vorhänge vor dem Allerheiligften eines ſüßen Gottesgeheimnifjes.“

offer Elopfte dem Profeffor leicht auf die Sehutter „Sie fchwärmen, beſter Freund“, fagte er fcherzend, „aber dafür find Mr Poet und fehen die Dinge anders als wir andern GSterb-

en.“

„Nie“, entgegnete der deutſche Anafreon nicht ohne Anflug von Empfindlicheit, „nie ift es mir in den Sinn gelommen, zu meinen, daß ſolche Weſen, wie fie in unfern Poefien leben, je in der wirt- lichen vorfamen. Da Hätten wir fie ja nicht erfunden, nicht erdichtet; denn darin befteht gerabe das Wejen der Poefie, daß die Welt, die fie und vorführt mit allen ihren Geftalten und Bildungen ein nur aus dem Gehirn bes Dichter Hervorgegangen ift und mur im Gedanken, nur in der Phantafie eriftirt, fo Hatte ich wenigſtens gemeint. Dieje Wr Schäferin aber ift Wirklichkeit, ift Tebendig und wahr, aber iſt fie bewegen nicht ebenſo poetifch ſchön wie nur je unfere erdichteten Scheingeftalten? Aber vielleicht vermag nur ein

poetijches uge dies zu jehen.“ BGewiß ie recht, mein Lieber“, verſetzte Schloſſer; „mas wir überzeugungsvoll empfinden, ift für uns Wirklichkeit und Wahrheit.“ Hier Ienfte das Geſpräch der beiden Freunde von feinem bis- herigen Tontreten Gegenftand ab und ging in abſtrakte Erörterungen ber. Aber bald benußte Jalobi eine eingetretene Paufe, um auf feine geheimen Lieblingsgedanken zurüdzulommen. „Meinen Sie nicht, befter Freund“, fagte er plöglich, indem er ohne ittlung auf das verlaſſene a zurüdfam, „meinen Sie Vermittli If das { Thema zurüdfe inen Si nicht, daß in einem fo herrfichen Körper auch ein ſüßer Geift fchlum- mere, ben zum Bewußtſein zu erweden eine göttliche Miffion fein müßte? Sie verftehen mich nicht, Tiebfter Schloffer, jeßte er Hinzu, fo will ich Ihnen jagen, daß ich an unfere Hirtin drüben denke, denn es widerfteht mir, fie anders zu nennen; ic) habe einen geheimen Blan mit ihr, ſchon der Gedanke daran entzückt mich, es giebt ein Mittel, fie in meinen Umgang zu ziehen.“ „Freund, Freund“, droht Schloffer mit erheucheltem Ernſt. „Sie 1 eben doch nichts leichtfertiges im Schild führen... .“ Liebſier Schloffer, bei meinem Alter!“ wehrte Jakobi ab, nicht ı ne leife Berlegenheit. „Na, na“, meinte jener lachend. „Ach, ich Habe Sie mißverſtanden“, rief der Dichter mit Befrie— i gung, „Sie ſcherzen, nım ja, Sie fennen mic, zu gut, verehrtefter : reund, Sie wilfen, daß ich felbft in jüngeren Jahren von der Uns huld gefungen habe: « ı*

4 Bas [chöne Wälderkind.

Did ſoll ein Dichter nicht entweihen, Der gerne mit bem Amor fpielt - Und boch den Werth der Meieheit fühlt.“ Im diefem Augenblick ertönte die Tifchglode im anftoßenden Zimmer, und die Freunde erhoben ſich von ihren Sigen.

I

Nun war es fpät in der Nacht, die Salzgaffe hinunter war eine Lampe nad) der andern an ihrer ſchweren Stette a len um vom Lampenwärter außsgelöfcht zu werben. Tiefe Stille lag in der Straße, nur hier und hörte man durch das Dichte Dunkel der mondlofen Nacht die unfichern Tritte eines fpäten Nachtwandlers, und ber Rinnenbach, den die Dreifam durch die Salzgaffe ſchickt, machte jegt mit feinem feifen, faum hörbaren Flüftern erit recht das einige Geräufch in der nachtitillen Straße.

Auch, in dem Sikingijchen Palais waren die Lichter nah und nad erloſchen, mit Ausnahme in einer Dachfammer gegen den Hof hinaus. Das Singige Heine Fenſter, welches das einjame Lichtlein an die äußere Welt verrieth, jtand offen. Man jcheute fich drinnen nicht vor dem fühlen Odem der finitern Schwarzwaldmainacht, die mit Ye tiefjhwarzblauen Mantel über der Stadt und dem Schloß- berg ſchwebte und mit ihrem hellen, weitjtrahlenden Jupiterauge fed- lich durch die enge Luke fchaute. Auch die Fledermäuſe, Die, ange- zogen von dem milden Lichtbündel, der wie mit einem warmen Athem- pauch aus ber Fenſterſpalte drang, geſpenſtiſch vorüber Hufchten,

tauchten Feine Umftände zu machen und konnten fich alles anfehen, was drinnen in ber ftillen Kammer vorging. Die Zledermäufe, eine Frühlingsnacht und eine „Hirtin“ find alte Bekannte.

Drinnen auf ſchmalem niederm Bettlein faß, Halb entHleidet, ein gerabe zur Jungfrau entiwideltes Mädchen, eine liebliche Erfcheinung, die eilt in ihrem augenblidlichen Koftüm und der gegenwärtigen Beleuchtung, leicht um ein Beträchtliches weicher und zarter erſcheinen mochte als in Licht und Luft des nüchternen Tages. % einen Händchen, fonft vielleicht roth und rauf von Arbeit, ſchienen bfeich und weiß in dem matten, fahlen Schein ihres Lämpchens, und die Haut an Schultern und Bruſt war von delifater Feinheit, gegen das grobe hänfene Hemd und den plumpen wollenen Unterrod. Wenn man nicht allzugenau Hinfah, konnte man die Geftalt für eine ſchöne Komtefje aus der Bel-Etage de3 Palais drunten halten, die ſich den Scherz machen wollte, in der ftillen Nacht in verlafjener Dachtammer Märchen zu fpielen, und die ſich Fi dem Zwede in grobe Leinen und ein altfränkiſches bäuerliches Mieder geftedt Hatte. Das ganze Bild war von unleugbarem Liebreiz, und ß geſchaut, lich es die ſchwärmeriſche Zeiſrimng des Beofelfors Johann Deo Jalobi auch für einen Nicht-Boeten egreiflich erjcheinen. Das Mädchen der Dachkammer war nämlich) die Naide des deutfchen Anafreon, der

hre auffallend --

Y

Bas [döne Wälderkind. 5

Gegenftand des vormittägigen Geſprächs zwiſchen dem Profefjor und dem Amtmann.

Marie nähte, fie befjerte an ihrem Rod. Dabei dachte fie an den, der am Morgen in der Küche Kienholz feilbot und ihr nichts gejagt hat, fein Bart, obgleich er, wie fie ſicher vermuthete, nur ihretwegen gelommen war. Sie hatte fich I" gefreut den Peter ein- mal wieder zu jehen, und e3 ihm auch gejagt. Er war aber fcheu und troßig geblieben, der hohe lange Menſch mit dev jchiefen linken Schulter, Taum, daß er fie recht angejehen.

Umfonft zerbrad ſich Marie den Kopf, fie wurde nicht Hug aus

Betragen bes Irummen Peter. Aber e3 war auch jehr ſpät in der Nacht, und nach und nad) verirrten fi ihr die Gedanken, das Heine Köpfchen twurbe immer ſchwerer und nicte immer tiefer auf die Bruft, die herabgeſunkenen Händchen ließen die Arbeit fallen.

Ueber die großen ftillen Augen hatten fi lange ſchwarze Wim» pern inter geſenkt, die Stille der engen Kammer war nod) ftiller geworden, nichts bewegte fich mehr als leife fanfte Athemzüge, welche ein halb aufgefnöpftes Mieder in regelmäßigen Abfägen hoben und jenkten. Immer Fühler drang durch die offene Dachiuke der Hauch

r Mitternacht, das tief heruntergefunfene Gefichtchen und der ent- blößte Hals und Naden des fchlafenden Mädchens waren noch blei- her und blaffer geworden in der Fühlen Nachtluft, faft marmorweiß, die Erſcheinung hatte jegt in dem Lichte des rußiggelben, ängſtlich flackernden Flämmchens im bfechernen Aempelchen wirklich etwas märchenhaftes.

Es war wie in einem verwunjchenen Schlofje, wo droben unter dem höchſten Thurmdach ein böfer Alraum die ſchöne Königstochter in feinem umftridenden Zauber hält. Schlaf hieß er diesmal, der mãchtige Zauber, er war aber ganz und Bw gutartiger Natur und nicht einmal allmächtig. Nicht Marie, das Waldmädchen Ing in feinem Bann, nur ihre arbeitmübden Glieder fühlten feine Gewalt. Schlaff ineinander gejunfen, wie ohne inneren lebenwirfenden Zufammenhang Hingen fie da, als ob fie nie wieder aus dem lähmenden Zauber er- wachen follten. Die jchöne Marie aber war unterdeffen der fchlaf- umzauberten Kammer gleichjam wie durch ein noch mächtigeres Wunder entrüdt und befand fich weit fort in ihrer alten Wälderheimat. Da war fie wieber ein Fleines Mädchen, eine arme Tagtöhnermaile hin⸗ "m auf dem Saalgut an den füblichen Abhängen des Kandelbergs

Und nicht Mai war's, grüner blühender Mai, fondern ein No-

‚mbertag, falt und neblicht. Unfichtbarer, feiner Regen riefelte durch

en grauen Nebel und machte den Iehmigen Boden naß und chlüpfrig,

:aurig und verdrofien ſtanden die halblahlen Bäume, und es Fröftelte

nen, wenn man fie anfah. Die Rinder ſchnoberten am naffen Gras

zum, doch dafjelbe jchmeckte ihnen nicht, es war als wenn ein git ger Thau darauf liege, und eins ums andere blöfte unwillig

6 Bas fchöne Wälderkind,

naffen Nebel an ober gab durch ein leijeres weicheres Muhen dem Sehn⸗ ſuchtsgefühl feines Stallheimwehs einen rührenden Ausdrud. Die Schafe und Ziegen aber nahmen die Situation humoriftifch, fuchten fich unter Heden und Steingeröll trodene Gräschen und Blättchen, und wenn es ihnen zu langweilig werben wollte, trieben fie allerlei Spiele, . B. Engländers! Aufgepaßt! Kopf vor! los! bumms ftießen die Birnfehafen aneinander; das war gut gebozt.

So machten fie fih warm, und das Mariele hätte beffer gethan, auch mit zu pielen, ftatt unter ben raffen Hafelbufch gefauert, ſtill da zu figen und mit ben Augen fo grad-in die Welt hineinzufehen, als ob e3 träume und die weißfleckige Gizzel, die braune Hattel. und feine Freundin Schönbärtle ganz vergejjen habe.

Mariele ſchien Heute nicht aufgelegt, das begreift aber ein Thier nicht, und Schönbärtle, die kohlſchwarze Ziege mit ber weißen Stirne und dem weißen Bart, ber Liebling des Mädchens, das brolligfte Thier der ve fam immer und immer wieder vor den Hafelbujch und gudte feine ftille Kameradin fragend an, aufmunternd mit dem Kopfe nidend. Es half aber nichts, alles was fie mit ihren Heraus- forderungs- und Au fmunnterungaberfugien erreichte bejtand darin, daß das zujammengefauerte Menjchentind leiſe über feinen Liebling lächelte. Aber auch nur leife, faum fichtbar. Nur ein feiner Be— obachter gütte es verftanden, dieſes innere Lächeln der Seele, nicht um den Mund, fondern nur aus den Augen heraus.

Ein folcher wäre vielleicht überrascht ftehen geblieben und Hätte das barfühige, barhäuptige Mädchen mit den najjen, froſtrothen Füßen und Talbnadten Beinen, mit dem zotteligen zerſchleißten, nach unten nafjen Rödchen und dem Löcherigen Schürzchen drüber, worunter das Kind die Händchen, fo gut es gehe wollte, verftedt hielt, ver⸗ wundert angefchen und fich gefagt, daß es ein ſchönes Kind fei, trotz dem nicht ganz faubern, verwetterten Gefichthen, und den nod) une fauberern braunen Haaren. Auf dem Schwarzwald wäſcht man ſich nicht jeden Morgen, wenn man ein armes Waiſenlind ift und frühe hinaus muß in Thau und Regen; da kann man draußen vom Regen genug ge wajchen werben, wenn man auch nicht beſonders ſauber dabei wird. Und wenn es dann da fit unter dem Hafelbujch, daS braune Haar aus den göpfehen losgelöſt und in zufammengeflebten nafjen Strähnen über

ugen, Stine und Geficht hängend, das ift nicht ſchön wie die achjäbrige Komtefje drumten in der Stadt im Palais und der fünf— jährige blonde Junge des Kaufherrn daneben, es iſt ein anderes Genre, man muß fi) darauf verftehen. Und wenn der ſchwärmeriſche Brsfeffer Johann Georg Jakobi von Freiburg jegt die ſchmierige

jerghalde bahergefommen wäre und hätte das arme Sind gefehen, er möchte in feiner guten menfchenfreundlichen Seele vor biefer Armuth erſchrocken fein. Und, ohnmächtig zu helfen, hätte er ſich wohl raſch davon gewandt und wäre, weil es ihm auf die Nerven geihtagen, fiebernd und frank heimgefommen, um ein paar Tage daß

jett zu hüten.

Bas ſchõne Wälderkind. 7

Huh!“ machte es plöglich hinter dem Hafelbufch, Marie und die weißbärtige, weiß geſtirnte Biege fuhren erichroden auf. Noch war das Thier ganz verwirrt, die junge Hirtin aber lachte ſchon. „Das ift Dir gelungen, Peter“, rief fie, „ich bin auch leicht zu er- ſchrecken, doc fomm jegt nur. Haft Bunder?“

na“, vage der frumme Peter hinter dem Strauch hervortretend. Seine linfe Schulter war höher als bie rechte, drum hieß er fo. Er langte in jeine ale:

„Siehft! der Großätti hat mir's geben, der Bauer war auf der Tenne. Und da hab’ ich dürres Holz, einen halben Sad voll.“ So jprechend entleerte er den Sad.

PR ul Du follit die Kutte Haben“, fügte er Hinzu; „gelt e8 friert

Das Mädchen lächelte wieder mit den Augen. Der Bub’ aber

ftülpte die eine untere Sadede nad) innen. Das giebt warın, meinte

Fi und drüdte ihn dem Mädchen auf den Kopf, e3 war eine rechte apuze.

„Nun nichts als Feuer“, plauderte der Knabe, „das muß luſtig werden. Erzählſt mir dann auch die Geſchichte vom Kandelgeijt und dem verfunfenen Schloß, willft? Oder nein, eine neue, Du halt mir's verfprochen, die von der rau Teufelinne und dem Ritter don Ufhaufen. Nun blas!" Peter hatte umterbeffen euer angejchlagen und ben Zunder in einen Strohwiſch gewidelt. Nun bliefen fie zus fammen. „Es brennt“, rief Peter; „fei froh Mariele, ſiehſt; ich weiß, es geht Dir nichts Über gebratene Erdäpfel, die da hab’ ich in der Küche ermilcht. Was haſt Du denn? Schüttelt's Dich, gelt Du frierſt? Willſt's immer nicht fagen.”

*

Und ſonderbar auch drinnen in Freiburg in der dunkeln Dachkammer, wo das Dellämpchen unterdeſſen erloſchen war, auch hier ſchüttelte es die weißen halbentblößten Glieder. Und dann be— wegten ſich die nackten Arme, wie wenn fie etwas ſuchten, etwas an ſich ziehen wollten; ber gufammengefauerte Körper auf ber Bett feringe richtete fich auf, auch das Köpfchen hob fich ein wenig, doch ei ae nicht recht gehen, noch weniger wollten bie fehweren Liber ich öffnen.

In derjelden Stunde ſaß der Hofrath und Profeffor Johann Georg Satebi drüben an feinem Schreibtif und dichtete jein Gedicht rn die Hirtin“, worin es unter anderm heißt:

Und eure Mädchen liegen

Auf zartem Rafen weich

Am Blütenbeum und ſchmiegen Bertranter fih an end.

Und fern von euern Chören Erfgallt der Flöte Rlang,

Unb Chloe Tommt zu hören Den lodenden Geſang.

*

Bas [cöne Wälderkind.

tand er Marie, feine eingebildete Geliebte ftehend, mit Halblauter Stimme las er das nd, daß e3 gut fei. Dann fuchte er befriedigt

IL

ı unterbefjen Hingegangen bie drei inhalts- ltgeſchichte

opäiſchen Civiliſation, wie es ſich ſelber nennt, oloß krankhaft fieberheißen Schlägen, wie ein will. Der Riß war ſchon geſchehen, das Herz jum Vulkan geworden. In unheildrohenden vor den Augen der erfchrodenen Welt die ten zum Himmel empor. Immer höher ftiegen n, die weitleuchtenden Feuerkugeln einer trun- rung. Viele zerplagten als hohle Blaſen. am höchſten Horizonte der Menfchheit als ce neuen Zeit, al3 flammende Sonnen der auf- ie Nacht vom 4. Yuguft war hingezogen und rfreiheitstag aufdämmern laſſen, die Menjchen- worden. ler als Eonftituirende Verfammlungen und alle ber Welt Hatten zu allen Beiten in geiftig ıfgeklärt fortjchrittlichen, in rohen, barbariſchen, iſirten und übercivilifirten hatten andere, Bewalten Diefe einfachen Rechte der Menjchen tirt und werden fie ewig biftiren.

die gewaltigfte diefer Gewalten ift die Schöns jeimnigvolle Zauberkraft der Liebe. vdringlicher, herzensinniger als in ber Geſchichte zn, und ohne den Schwall eines öffentlichen 08 fprechen die Nechte des Menſchenthums oft tcht im Archiv der Weltgefchichte aufbewahrt unbeachteten Geſchichte eines armen Menſchen⸗ unpolitiſchen, ſtillen Winkel der Welt. liſcher Winkel war das Haus des Dichters Ruhe, ſtille Sammlung, behaglich häusliche er fromme Mir Penaten faßen mit dem ı an der freundlich fladernden Flamme feines die fi dazu gefellte, war nicht weniger ftill lich, ja philifterlich deutſch wenn fie gleich in anakreontifch Tüfternem Koſtüm erſchien, das Aber eine andere Mufe, Göttin, oder wie ıennen foll, fam dazu und war nicht poetiſch ein fehlichtes bürgerliches iskleid an, wie 3 mit ſich brachte. Ste ſaß wohl von Zeit uch, aber die meifte Zeit war fie mit Kochen, .

Bas ſchõne Wälderkind. 9

Bembennähen und Strumpfftriden Während der beiden jegten Hantirungen feb, wenn anders fein Beruf ihn nicht abhielt,

jenige bei ihr, welchen die deutſche Nation ihren Anakreon nannte, und hielt ihr feine Privatissima aus den Kunft- und Wiffenfchafts- gebieten aller neun Muſen, wobei fie ihm mit großen, Eugen, mand)- mal aber aud) ungewiffen Augen zuhörte.

Diefe leibhaftige fchlicht-einfache Poeſie, einem lebendigen Sym- bol des Volfsliedes vergleichbar, hieß Marie, und die Leute nannten fie das ſchöne Wälderfind.

Jakobi hatte feinen Plan, den er feinem Freund Schloffer einft angebeutet, ausgeführt. Weber drei Jahre ſchon war Marie im Haufe des Profejfors und war feine Haushälterin und Gefelljchafterin, an deren Geijtesbildung zu arbeiten feitdem feine Tiebfte Sorge war.

Die Leute mochten darüber allerlei denken und reden; fie moch- ten, wenn der Herr PBrofeffor und feine „Haushälterin“ fcherzend und plaudernd mit einander am offenen Fenſter ſaßen, oft deutlich die söpfe Thitteln. A Hofrat mb Profe lerd 5

arie war dem Herrn ath und Profeſſor allerdings mehr als bloß Haushälterin, auch mehr als Gefechten. fie war ihm eine Freundin. Und es war ihm fehr ernſt mit dieſer Freundichaft. Er wußte zwar auch, daß Gleich⸗ und Ebenbürtigfeit die erſte und notömendiglte Bedingung jenes heiligen Bundes ijt. Doch äußere Standesunterfchiede galten ihm in einem ſolchen heiligen Verhältniß, ala welches er die Freunbfehaft auffaßte, nichts. Für ihn war Marie eine heilige Blüte der Menfchheit, ein Gedicht Gottes, welches ihn mit allen mern der Ehrfurcht erfüllte. Er hätte einer Gemalin ober Braut feine andere Behandlung angedeihen laſſen, als fie die Haushälterin von ihm erfuhr.

Vielleicht Tiegt alles in dem einen Wort: er liebte. Schwär- meriſch liebte er, jo ſchwärmeriſch wie nur ein fentimentaler Fünf- iger, der zugleich ein Poet ift, lieben kann. Ein Fünfziger? Nein, ein Zwanziger. In diefem Stüd war er jung geblieben, ein echter deutſcher Jüngling. So überglüdjelig, fo ſelbſtvergeſſen, jo jentimental Ionnte er ſchwärmen, wie in ber Zeit der Lorenzodofen.

Und er glaubte fic) geliebt. Warum follte er es nicht glauben? Marie war jo freundlich, jo hingebend, fo felbftlos. Sie zeigte ein fo feinfühliges Verftändniß für jein Weſen und feine Art. Sie er- rieth immer feine geheimften Wünjche, war nur freundlich und heiter in feiner Nähe und hatte immer ein bezauberndes Lächeln, wenn er Sn Schulftaub abjchüttelnd ins Haus zurückkam. Es Hatte ihr ja

iemand Leftion darin gegeben, wenn nicht die Liebe.

Nicht nur die Nachbarn und Nachbarinnen munfelten allerlei

ber das Verhältniß oder blinzelten bei deſſen Erwähnung verftänd- ißvoll mit den Augen; auch die nächiten Freunde Jakobis fehüttel-

m bedenklich bie Köpfe. ir der eine, Schloffer Tächelte darüber. Er fchmeichelte fi, einen Jakobi beffer zu kennen und gewiß zu ein, daß jelbe fein Zeus, weber ein Olympiſcher noch ein

Bas ſchõne Wälderkind.

fondern ein Anakreon und zwar der beutfche Er reund, wenn bdiefer in feinem Lied: „An Belindens g:

Did) foll ein Dichter nicht entweißen,

Der gerne mit bem Amor fpielt

Unb doc ben Werth ber Weißheit fuhlt.

Nein, ungeküme Bünfge mist Soll biefer Meine Tempel hören, Nur Seufzer barf ich mir gewähren.

ſchiedlich auch die Ausdrüde waren, in denen die ver— ſchbaſen weiblichen und männlichen Geſchlechts, über 18 ſchöne Waldmädchen ſich ausfprachen, die Gevat- letzgers⸗, Schneibers-, Krämerfrauen einerfeit3 und die zunde und Freundinnen Jakobis andererfeits, darin e überein, dab fie Marie ftrenger tadelten und bitterer 8 den Hofrath. Dod) auch in diefer Beziehung machte ahme; und das war der frumme Peter vom Saaihor. d zu einmal in das Jakobiſche Haus, welches indeß in der Salzgaffe, dem Palais gegenüber war, fondern aſſe lag und zwar an deren Ausgang, da wo fie am mit ber erjtern zufammen ftößt. Ber Peter mußte chen entweder vom Zufall außerordentlich begünftigt iber auflauernd zu Werke gehen; er kam immer, :ath ausgegangen war. Marie fah den Kindheitöge- gern, jo Gehe aud fein ganz und gar verändertes, » fcheues Weſen fie befremdete. Sie fuchte ihn oft zu Rüdfunft des Profeſſors abzuwarten, dem fie von ihm id ber ihn gern fennen lernen möchte. Aber da war erbar und hatte ein Art fie anzubliden, daß fie vor Und ſeltſame Worte ließ er fallen. „Habe fein Ver: fehen“, ftieß er hervor, „wäre wohl beffer, wenn d' 'ſehn Hättft. Ich glaube nichts, aber ich Frieg einen Leut' fo... Ich will nicht drüber reden am mich der Pfarr’ daheim, ich möcht ihm fein Maul

tt, laß die Leute doch“, fagte dann Marie begütigend, leicht, weil der Herr Profeffor ein Lutherifcher iſt, er nenſch, bei dem man jein Chriftenthum einbüßt, und ch jo fromm, und kann jo hrijtlich veden, beffer wie crer auf der Kanzel.“

ıtgegnete ber Peter nichts, ſondern fah fie mit großen an, und ein faum bemerfbarer Glanz in feinem Blick thun, das ihm ihre Rede gefiel.

mer bei ihm bleiben“, warf er dann gelegentlich einmal hin. ft mir“, gab fie zur Antwort, fein Menſch auf der > gut gegen mich wie der Herr Profeffor.“

Bas ſchõne Wälderkind. 1

Gar finfter bfidte der Peter drein, wenn er ſich verabfdjicdete, alle Liebe und Freundlichkeit Marie fchienen nichts über ihn zu vermögen, auch fam er feit einiger Zeit immer feltener.

W.

Ta war's ber erjte Mai und ein Sonntag. Luftig und lärmend ging es in der Stadt (Freiburg her, befonders in ber font jo ruhigen, vornehmen Salzgaffe. Hier waren die Häufer befränzt und drapirt, Blumen und wehende Maien winkten von den Fenſtern und fanden vor den Thüren. Buntes Volt wogte durd) die Strafe, ftäbtifches und ländliches, Teßteres in mannigfaltig, auffallenden Trachten: Slotter- und Wildthälerinnen mit ihren hohen; cylindriichen Stroh- hüten, Dearfgräfferinnen, hohe dralle Geſtalten mit vollen runden Geſichtern und dem wehenden „heiligen Geift“ darüber, wie fie Die ſchwarze fchmetterlingsartige Zlügelfapuze mit den bis zur Erde mallenden breiten Bändern heißen, junge Bauern mit weißen Stittel und Fuchspelzmütze, Volt vom „Wald“, von St. Peter, St. Märgen und Eſchbach, mit flachen, abgebogenen Hütchen Die Frauen, mit mächtigen Dreimaftern die Männer, Elzthälerinnen mit den apfel- großen roth⸗, blau- und grünfarbigen Wollenballen auf freisrunden ten alles bunt durcheinander, einzeln, paarweije und in

ufen.

In der Ferne Iujtige Mufil. Die tönt von Oberlinden, von dem freien Plag, in den die Salzgaffe und die Pfaffengaije zufam- menlaufen und wo an der Ede eine Linde ihre Aejte über einem Hohen, rothjanditeinernen Brunnen, den ein Muttergottesbild krönt, ſchůtzend ausbreitet. Der gange Play bis weit in die Pfaffen- und Salzgaffe hinein, und hinaus bis zuni Schwabenthor, das mit jeinem vierſchrötigen Thurm über die befcheidenen Dächer der Bürgershäufer hinweg, fühn in den Plag herein fehaut, ijt von Menjchen erfüllt, Um die Linde buntes, jauchzendes Leben. Ueber dem fanditeinernen Brummen auf einem hohen, hölzernen Gerüft thront eine Muſik— bande. Unter der Linde, rund um den Stamm herum, nur wenige Zuß über dem Pflafter, ift von blanken Brettern ein Tanzboden ge— zimmert.

Mit rothem Band an den Stamm gebunden, ſteht in der Mitte der Bühne und recht wie ein Opferlamm dreingudend in all die Luft und ben Lärm, ein fauber gewafchener weißer Hammel. Auch ge—

müdt iſt er wie ein Opferlamm mit farbigen Seidenbändern und em Kranz von rothen, blauen und gelben Wiefenblumen. Neben ‚a auf einem Tifchhen brennt eine Kerze, in deren Mitte ungefähr ‚ne dünne Silbermünze horizontal eingedrüdt ift.

Zuftig walzt es um den Baum und den Hammel. Eines der fchmücten Paare ſchwenkt immer ein rothes Fähnlein mit herum, weimal, dann nimmt das folgende Paar cs ihm ab und jo weiter.

Ein wildes Gewoge geht durch die zufchauende Menge, noch ift

Bas ſchõne Wälderkind.

Spannung, es kann noch lange dauern, bis das Licht e herunter gebrannt ift!

der Maffe fchien fi) um dag ganze Treiben um ihn ı kümmern. An eine Hausede der Pfaffengaffe gegenüber nt, eine Hohe fräftige Geftalt mit verjchränkten Armen. ach dem offenen Fenſter bes zweiftöcdigen Haufes ihm in ältlicher Herr mit zarten, Keinen Zügen ftand dort ind neben ihm eine hochgewachfene weibliche Geftalt. ven hatte feinen Hut genommen, „adieu, Marie!“ fagte er Hänbedrud, dann war er weggegangen. Bu, —* ſich eitete der an der Straßenecke, wie eben der Bro rejfor ı aus ber Thüre fchritt, ſich mit beiden Ellenbogen die Menge. Das war fein Eleines, aber es ging. Wer f ober zwei über die Menge emporragt, ber läßt fich, uch bränge, nicht von ihr ſchieben und bahnt fich frei mmend eigene Wege, trog der Menge.

and nun alfein drüben am Zenfter. Sie fchaute nicht elig drein wie vorhin im heitern Geſpräch mit Jakobi. eele jchien ein Gedanke zu ziehen und einen Anflug Schatten . über ihre vorher fonnenhellen Augen zu hatte ſich auf den Stuhl am Fenfter niedergelaffen, gen gefaltet im Schoß.

tal fuhr fie feis zufammen, die Thüre ging auf und mn ber Hausecke drüben erfhien im Zimmer.

du...” dann hielt fie erjchroden inne. Die Beiden am an.

&, Peter“, fagte Marie dann, „ic, war erfchroden, Deine jo ich habe gemeint, Du hätteft wieder Seh. Dich

tteft gemeint?"

ih erjt! Du habeft einen Rauſch, hatt’ ich gemeint. irklich wahr, fie fanen, daß Du das Trinken anfangit. Gütchen geerbt, willft'3 vertrinfen und verfpielen?“ auf ankommen.“

auf anfommen? Peter, Du machft mir Angft, bift deß— 1? Ich meinte, Du würdeft „nein“ jagen und „es ift ie Leute fügen“, Peter, ich verjtche Dich nicht mehr, als ich Dir draußen vor dem Thor begegnet bin, und habe, daß Du wieder einmal zu mir fommen mögft, iſt Du mir fo verwirrt vor. Du wirft doch fein böfer n wollen. Denk an den Heidenhofmarten, der auch ngefangen hat und Spielen und Schulden machen, Du 3 mit ihm kam. Du warft ja immer brav gewejen, nicht mehr daran, da wir noch auf dem Saalhof beis . Haft mir ja oft genug die fchauerliche Gejchichte vom Ilt daß uns beiden gegrufelt hat, dent an den Karfunfel!“ ſchon daran, ich hab’ ihn ſelber Dadrin, den Karfuntel.“

Bas fdöne Wälderkind. 13

n®ott, wie Du wieder red’it!”

„om Teufel wird er nicht fein, wenn er ſchon brennt wie die Hölle.”

Marie Ir} auf. Sie erſchrak, ber Peter fnitterte an jeinem Hut, feine ſtarke Fauſt ſchien leis zu zittern, fein Mund nad) Wor- ten zu ringen.

„Marie, ſag', möchtet nicht ich will jagen, willft nicht wieder heim kommen nad) St. Peter?“

„Ach Gott, habe ja niemand“, ftieß fie hervor. Peter ſah fie eine lange Weile an.

„Sag, 1118 wahr, wirſt bald Frau Profefforin werben?“

„Sagen fie das auch in St. Peter?“ entgegnete Marie mit ſchmerzlichem Lächeln, „dann wiffen die mehr wie ich. Meinft, der

dent’ noch einmal and Heiraten? Und meinſt, ein ſolcher

würde mich als Frau nehmen?“

„Und würbeft Du ihn nehmen?“

"Immer Deine fonderbaren Gefchichten, es ift ja zum Lachen, wer denft denn daran?“

„Würdeſt Du?“

Ich glaub’, ich thät’s“, antwortete fie nachdenklich, „ich könnt' ihm nichts abfchlagen, er it zu gut gegen mich, verlaffen bin ich Doch

und niemand, und ob ich al3 Frau oder als Haushälterin ihm diene. Wenn er mich nicht weg ſchickt, werbe ich ja doch nie von ihm gehen.“

Auch nicht, wenn D’ Heiraten könnt'ſt? Aber eine Bauernfrau mögt ja nicht mehr werben.“ möcht'8 auch nicht, doch dafür ift geforgt. Was für ein Sau“ ſollt' mich denn heiraten, ein armes Ding, da dazu nod) das Schaffen verlernt hat, ein Bauer muß eine Bäuerin heiraten.“ „Haft am Ende recht.“

Peter fehrte fich um, als ob er gehen wolle. Un der Thüre blieb er ftehen, den Kopf auf die Bruft gefentt, I] er ftumm auf den Boden. Bin rm Augenblide ftand er da, dann hob er langjam den Kopf in

ie Höhe.

De Marie, wie mein Karfunfel heißt?“ begann er mit uns - fiherer Stimme, Du weißt'3 nicht, Du würdſt's aus nicht berftehen, wenn id, Dir’ fagen wollte. Peter griff nad, der Thüre. Ein unheimliches Stöhnen rang fi aus int Gehen Brut. Dann fehrte er ſich noch einmal um.

„Weißt was, Marie; ich...“ ba hielt er an, „ich bin ein Bauer, Du haft gehört, daß ich den Hinterdorfforg beerbt Hab’, meines Vaters Bruder, und ich will ich will Dich nehmen, Marie? Du erfehridit! Ich wußte wohl, Du heirateſt feinen Bauern, ich 5ab'3 ſchon en daß Du mich nicht magft, Du haft Angit vor mir. krumme Peter, meine Hände find auch immer zauher und N pe jer worden und mein Rüden immer frummer, und Du krumme Peter, aber wenn ich daran dachte, wie wir u miteinander geweſen find als Kinder und ſpäter, da

Bas ſchõne Wälderkind.

teft auch daran denfen, und 's könnt' vielleicht den. Wenn id) Dir dann aber unter die Augen r mir jah, da hatt! ich fein Herz, aber bin doch men; das war mein Karfunfel. Die andern haben m gewollt, fie haben mir fchlimmes von Dir uch geglaubt, aber den Karfunkel wurde ich nicht t fommen und hab' Dir frei ind Aug’ gegudt. ich da nicht ſehen können und ift mir wohler

z in ber Stadt gehört hab’, der Profeffor wollt’ itt's dann wieder don neuem angefangen, dadrin- io arg wie noch nie. Und dann bin ich lang’ ſchaffen konnt' ich nichts mehr, dann hab’ ich Dich zu vergejfen, hab’ auch wieber Hoffnung wenn Du den alten Zipperleinsmann heiraten ı Ende auch der frumme Peter nicht Ein ſchlecht ch beſſer; Du habeſt ihn doch früher leiden mö- unfer Herrgott lieber fehen, als mit dem Alten, traurige Sache wär und ganz und gar, wie ich Sebot. So, nun iſt's raus, einmal hat's fein müſſen. hen, Du warjt nicht froh drüber, Du haft mich m... Hab’ feine Angft, ich geh‘, Du ſiehſt mic)

ter ihre Hand ergriffen und in feiner umgefihlach- it jo gebrüdt, daß Marie unwillkürlich laut aufe

unten in fieberhafter Spannung und lautlofeiter em Lichte jah, am welchem jeden Augenblick die ıllen mußte, um den Gewinn des Hammels für yeiden, welcher in dieſem Moment tanzend das ıenkte, hatte man den Schrei Mariens von dem inter gehört und der Hilferuf eines Webereifrigen than, um jo mehr als erfahrungsgemäß bei der: die allgemeine Freude und Aufregung und die ve Sorglofigfeit und Unachtſamkeit von Strolhen ı werben pflegt. Ein Dieb, ein Mörder, Hilfe, Seiten, und ehe Peter und Marie fich recht be was vorgegangen war, wurde aud) fchon die Thüre tänner und Bürger ftürzten herein, und von ber :oßer Tumult herauf.

Einfprache gegen Peters Verhaftung zu erheben. und die Aufregung waren zu groß, man hörte ging’3 mit dem Peter, über den Play, durch die ngniß lag nicht fern. Die Menge war in fürchte Der böfe Peter, er hatte ihnen das Spiel ver- vüthend auf ihn. Alles fchrie: „Mörder, Dieb, it ihm, am Galgen mit dem Dieb.”

Bas ſchõne Wälderkind. 15

In bergmeiflun Bvoller Rathlofigkeit war Marie zurüdgeblieben, pm Glück fam Jakobi bald nach Haus, der, nachdem Marie ihm Vorgefallene mitgetheilt, fofort Schritte zu Peters Befreiung that. * *

* Seit den Vorfällen beim Hammeltanz waren zwei Wochen hin- Marie hatte die frühere Heiterkeit nicht mehr erlangt, fie 9 meiſt allein in ihrer Kammer und hing ihren Gedanken nad. Die gewaltige Macht einer leidenſchaftlichen Liebe hatte, wenn auch nur von augen her, ihr Herz berührt, und dieſe Berührung hatte

genügt, dafjelbe tief zu erſchüttern.

Peter Fam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie wurde im- wer unruhiger und aufgeregter, immer geängjtigter, von Stunde zu Stunde, von Tag u Tag, bis fie ſich aid jagte, daß es ſo nicht fortgehen könne, daß fie von Peter etwas erfahren, daß fie ihn ieleigt Iehen, mit ihm reden müſſe und ja, was weiter, das wußte fie nicht. .

Da ſah fie nad) langer Zeit die Halden wieder, wo fie einft wit Peter gehütet hatte, und unter der Macht der Erinnerungen wid) die Beingfttgenbe Gegenwart nach und nad) in ihren Gedanken zurüd, fonnige Bil ſchoben ſich vor fie hin. Dann war fie wieder ein Kind, faß bei der Heerde und jätete im Kartoffelader und der Peter war immer um fie.

Immer deutlicher und farbenreicher, immer lebensvoller ſtand bie Vergangenheit in ihr auf, und alles war fonnig und heiter darin. Das Shlimme und Schmerzliche, die Armuth und das Elend ftanden nicht mit auf, die waren begraben und vergeffen, und wo einft heiße Thränen Singefallen blühten leuchtende Blumen hervor.

Immer deutlicher und es war iht, ala ob fie gar nicht weg- gewejen wäre von Bergen und Halden.

Es war mitten im Nachmittag, ala Marie nad, St. Peter kam. Was wollte fie hier? Sie wußte es kaum. Den Peter befuchen? Und was bei ihm thun? Nur hören wollte fie von ihm. Darauf brauchte fie nicht lange zu warten. Der Peter fei ganz aus dem Häusle, er komme aus dem Trinken und Spielen nicht mehr heraus, und wenn er feinen Rauſch habe, ſchweift er trübjelig umher, und nad) feinen Sachen ſehe er gar nicht und fümmere fi um nichts, auch heut’ fei er wieber weg, niemand wilfe wohin.

Marie hatte noch eine entfernte Baſe in St. Peter, bie fuchte "af. Sie fand feinen freundlichen Empfang, es wurde ihr gleich

jehalten, daß man nichts gutes von ihr fage. In einem andern

I hätte es Marie weh gethan, heute hörte iM es nidt.

Uebergeit, daß fie etwas thun müſſe, wollte fie bei der Baſe

: Nacht bleiben am andern Morgen, bie Leute mochten jagen,

s fie wollten, den Peter auffuchen. Sie durfte ihm doch nicht

derben laſſen.

Am andern Morgen war der Peter nicht da, er war die Nacht

16 j Bas ſchõöne Wälderkind.

nicht heim gekommen. Marie wollte das Herz brechen. Sollte fie auf ihn warten? Sie würde ihn gerne Fugen, wüßte fie nur wo. ann war auf einmal brüben bei der Slofterficche ein Bufam- menlaufen von Menfchen, und Frauen ftredten die Köpfe zufammen mit einem Ausdrud ihrer Gefichter, als ob fie ſich entfegliches be= Tichteten. Man hatte die Leiche Peters gebracht. Un der Wolfsſchlucht draußen, wo der FZußpfad von Wagenfteig herüber führte, hart an dem Zelfen vorbei, hatte man fie gefunden.

* * *

Ziemlich gefaßt war Marie nach) einigen Tagen in Jakobis Haus zurädgefommen, fie war ſehr bleich, fehr ftill. Weber bie Ereigniffe in ©t. Peter fam nie eine Silbe über Marie Lippen, und mit der

eit wurde fie auch wieder heiterer. Jakobi hatte bald eine größere

reude an Marie als je. Ihr Charakter ſchien noch wei worben zu fein, ihr Gemüth tiefer, fie fand ix noch mehr als Früßer Genuß an erniter Lektüre, befonder8 an der Bibel. Nur zog fie jegt das neue Teftament vor. Gegen Jakobi war fie von einer zart- fühlenden Aufmerkjamteit, daß er —— gerührt wurde und ſich immer gluͤcklicher ſchätzen mußte, dieſem herrlichen Mädchen begegnet zu fein.

Da glaubte Jakobi mit der Ausführung eines län, faehegten Planes nicht mehr Länger zögern zu dürfen. Er hatte alle Hinber⸗ niſſe, deren Größe er zuerſt weit entfernt geweſen war, auch nur zu ahnen, und bie ihn auf eine Zeit lang eingejchüchtert hatten, aufept muthig überwunden; Schloffer Hatte ihn ftet3 aufgemuntert. hatte ıhm auch beigeftanden, feine Familie mit dem Vorhaben aus- uföhnen. Die Reden der Welt glaubte er verachten zu fünnen, er dat Marie um ihre Hand.

Im November war die Hochzeit, ein ftilles, inniges Feſt.

u Freiburg machte fie viel Redens.

„Der Herr jor Jakobi iſt doch ein Ehrenmann“, ſagte der Nachbar Schreiner.

Pr vi , Tieh, eh fiat ai ER drüben bie uftersfrau; „wer hätt’ das gedacht, wird die doch noch Frau Pro- fefforin. Ja, wem das Glüd will!“ 9

„Die hat das auch nicht verdient“, ſagte manche Betſchweſter, „ba mag wohl der Teufel mit im Spiel fein.”

„Ob fie diefes Opfer werth ift, das unſer allzugroßmüthiger Jatobi dabei bringt!“ hüftelte der Hofrath Dingskirch

„Was fo ein Dichter Grillen hat“, meinte der Herr Regierungs- rath Ypfelon, „nun, der Dirne kann man gratuliren, die braucht bie voranggegangenen Jahre nicht zu bereuen.“

an hatte in Freiburg lange über nichts mehr jo disfurirt wie über dieſe Hochzeit, und das aing fange fort, zulegt aber hörte es auf, und niemand ſprach mehr darüber.

Bas ſchõne Wälderkind. 17

Es gab andere Ereigniffe: Krieg, Belagerung, Ueberfälle, Rüd- zug des Moreau, Schlachten, Friede, Kongrefje, Wechſel des Landes heren, und wieder Krieg und wieber Friede und neue Revolutionen. Die Frau Hofrath Jakobi Hatte einen Sohn geboren, hatte ihn groß wachen jehen, und dann ins Grab gelegt.

Sie hat ihren Mann ins Grab gelegt, und dann noch lange gelebt einfam, till, in einer fchönen, reichen Welt in der Welt ihrer Erinnerungen, und dies jo ausichtichtig, daß fie mit der andern, die fich doch allein für die wahre umd wirkliche Welt hält, allen Zu- funmenhang verloren, jritben fie nichts mehr darin hatte, worauf fie ihre Empfindungen und Gedanken hätte beziehen fünnen.

Sie that deßhalb, als ob diefe Welt gar nicht für fie da wäre, überhaupt gar nicht erifticte, oder wenigftens gar feinen Werth, gar feine Bedeutung hätte, neben „ihrer“ Welt, neben der Welt ihrer Erinnerungen. Das ärgerte die andere Welt, und aus Aerger fagte fie, die gute Frau fei verrüct und mieb fie. Für die vornchme Geſellſchaft, welche fie einmal dulden gemußt, war fie nicht mehr v .

ein Geſpenſt die Pfaffengajfe hinunter taften. Es war, als ob fie niemand kenne, niemand redete fie an, niemand grüßte fie. Nur hier und da jahen ihr die Menjchen verwundert mad und dann gingen fie wieder weiter und fchüttelten die Köpfe. Die alte Frau gin dann auf den Kirchhof, hier konnte fie tagelang verweilen und felbit wenn es dunkel wurde und andere Menfchen ſich zwifchen ben Grab- fteinen unbehaglich fühlten, bfieb fie.

Um fie herum war e8 Nacht, aber fie war doc, mitten im Son- nenjchein ihrer Welt, der fchönen Welt ihrer Erinnerungen.

„Der guten Frau iſt's im Kopf mic echt”, fagten die Leute.

„Ihr Geift ift leider getrübt", fagten die Bekannten und hatten Mit- leid mit ihr. Aber in den Bildern ihrer Vergangenheit war nichts getrübt, wenn auch die Geftalten ihres verftorbenen Sohnes, Arfobis und des frummen Peters in eine zılfammenfloffen, und aus einem einzigen Antlig ihr entgegen zu bliden dienen. . , Eine ganz neue Zeit war gefommen, die alte Frau ging nor) immer auf ben Kirchhof. Eines Tages aber ging fie nicht mehr hinaus, fie wurde Hinausgetragen, ruhig ausgeftreit zwiſchen ſechs ſchwarzen Brettern, imd faſt ſo einſam und allein, wie ſie vorgeſtern noch hinaus gegangen war.

Einft hatte die Welt fie wohl einmal gefannt, aber das war I je her, und die Gefchichte des ſchönen Wäldermäbchens, welche der ! It einmal fo interefjant vorgefommen, war längft vergeffen wie «altes Märchen.

inden. Noch mande Jahre a man die alte, grau gewordene Frau wie

9

Der Salon 1889. Heft I. Band I. 2

ine unbekannte Bolkstkiteratur.

Bon Guflav Karpeles.

n ber Literatur eines jeden Volfes begegnen wir neben den großen, mächtigen und für Die Stellung dieſes Volkes in der Weltliteratur ——— gebenden Strömungen gewöhnlich auch einer kleinen, gering- ES fügig jcheinenden Unterjtrömung, welche von ben Literarhiftorifern gar nicht beadhtet, von der Nach— welt gemeinhin vergeffen wird, aber doch in ihrem ganzen Verlauf wichtig und bedeutend genug ift, um die Aufmerfjam- feit jpäterer Generationen zu Seifen, Gerade in diefer un- beachteten Unterftrömung erfennen wir den Charafter eines Volkes beffer und deutlicher, als aus feiner Stunftliteratur, den Charakter jenes Volfes, aus deſſen Bewußtfein fie entſprungen ift, deſſen Wille fie trägt und in deſſen Leben fie einmündet. Cine folche geiftige Unterftrömung ijt auch im Judenthum von altersher vorhanden. In den Tagen, da die Propheten ihre Ermunterungen, ihre ftrafenden, mahnenden Reben in Iſrael Hielten, da ging neben dem Propheten der Pfalmijt einher und wenn der Prophet in feinen feierlichen Ge— fichten zum Wolfe gefprochen hatte, da fam der Pjalmift mit feinen teöftenden und aufmunternden Liedern; und als fein Prophet mehr auftrat in Iſrael, als die legten Pjalmenfänger ihre Harfen an Die Weiden Babels gehängt hatten, weil fie das Lied von Zion nicht fingen mochten auf fremder Erde, da machten fich zwei neue Strömun- gen in ber Literatur des jüdifchen Volkes geltend: Die eine Strö- mung, die das Geſetz nad) allen jeinen Verzmeigungen und Ummwa ": lungen normitende Halacha, und die freundlich wie ein Garten dieje : umgebende Hagada, Erzählungen, Fabeln, Räthfeljpiele, kleine Gedid - und derartiges enthaltend. Einer ähnlichen, ja vielleicht fogar v : wandten Strömung begegnen wir auch am Ausgang des Mittelalt« Denn um es von vornherein feftzuftellen: das juͤdiſche Mittelal dauert länger, wie das Mittelalter der andern Menſchheit, es dau

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Eine unbekannte Bolksliteratur. 19

fait bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, und um die Seit, in welcher fich die Strömung, von der ich hier fprechen will, breit macht, um diefe Zeit ift das jübijche Mittelalter noch in dickſter Sinfterniß, während alfenthalben die Sonne der neuen Zeit bereits ſtrahlte

Dieſe Unterftrömung, die ſogenannte jüdiſch-deutſche Literatur, entfpricht demſelben Bebürfniß, wie die Volksliteratur anderer Völker. Auch fie entipringt aus den Regionen der Phantafie gegenüber den einfeitig geltend gemachten Regungen des Verftandes, auch fie wendet I) zunaͤchſt an die „Armen im Geijte*, an die Frauen und Un- gelehrten und Kinder, aud) fie wird nicht von großen Gelehrten ge- führt, fondern zum Theil von anonymen Schriftftellern, zum Theil aud von recht unbebeutenden Geiftern und auch fie verfchwindet wieder, wie ſie gefommen ift, ſpurlos. Um aber das Bild des Stromes feftzuhalten: Wie gar oft ein Fluß, ber in feinem Anfang blühendes Wachẽthum und Gedeihen über Feld und Flur außbreitet, weiter hinauf Tod und Verderben bringt, wenn er über feine Ufer tritt, um ſchließlich an einer anderen Stelle ganz zu verfanden, fo hat and) dieje geiftige Strömung, im Anfang ſo fruchtbar zu fein ſchien, in ihrem fpäteren Herta trübe ‘Fluten gewälzt und ihre legten. Spuren tragen nur nod) Sand und Gerölle in die Länder de3 ſlaviſchen Oſtens. Dieje jüdich-deutfche Literatur, über welche ich hier etwas näheres mitteilen will, ift vielleicht nicht mit Unrecht der gänzlichen Verachtung anheimgefalfen. Sie erinnert an die ſchlimmſten

iten der Gheitos, des Drudd. Wen von uns hätte nicht diefer

ialeft, dieſer jüdifch-deutfche Dialekt, auf der Straße und im Coupe, vielleicht ſogar manches Mal im Kaffechaufe, aufs empfindlichite ge- ftört? Es iſt eben etwas todtes und abgeftorbenes für una, während & zu jener Zeit fräftig und Iebendig war und eine Literatur her- Vochrachte, die ſich immerhin fehen laffen konnte unter den Voiks— bildungen der Weltliteratur.

In deutſcher Sprache haben die Juden ſchon im zwölften und dreizehnten Jahrhundert gedacht und gefchrieben. In dem Rechts- gadten des Eliefer ben Jehuda finden wir verjchiedene beutjche

usdrüde neben den hebräijchen Worten. Im dem Bibeltom- mentar, den einer ber größten Schriftgelehrten des jüdifchen Volkes gigrichen bat und der noch heute in jüdifchen Schulen zur ibeleregeje benugt wird, in dem Kommentar Raſchi's, finden wir neben vielen franzöfifchen auch deutjche Worte. Soweit es bis jept befannt iſt, iſt das ältejte deutſche Wort etwa im zwölften Yahı- bert bei Eliefer ben Jehuda zu finden, es heißt: „Spürhunt“. dem breizehnten Jahrhundert foll eine Bearbeitung der Sage

König Artus egijtiren, in der vatifanijchen Bibliothek zu Rom.

age Decennien fpäter lebte in einem fränfifchen Städtchen an ber ve Süßkind von Trimberg, ein Minnefänger, ein Jüde, deſſen itſch fo gut ift, wie das Deutſch Wolfram von Eſchenbachs und

Ither8 von der Vogelweide; und anderthalb Jahrhunderte jpäter

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20 Eine unbekannte Bolksliteratur.

wirkt ein Jude, Samſon Pnie in Straßburg, neben dem M Gottfried don Straßburg und feinen Genoſſen. Eine Ji aus Regensburg, jchreibt eine Gejchichte Davids in der N ftrophe gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts, und andern Shin, Rahel Adermann, erzählen die Quellen, d 8 zu Wien ſehr agefeben war, und dort einen Roma: jebicht gefchrieben habe: „Das Geheimniß des Hofes“. alfo, daß die deutſche Sprache, und zwar ber rein beutfd ausdrud, den Juden fein fremder war. Da, etwa um bie fünfzehnten Jahrhunderts, erbliden wir plötzlich eine geil mung, welche in einem beſonders an Die deutſche Schriftf anlehnenden Dialekt die tiefften Bedürfniſſe der Juden be haben foheint, wir fehen dieſe jüdiſch-deutſche Literatur c ohne daß wir zu fagen wüßten, welchem befondern Bet entfprungen ift. Immerhin aber dürfen wir annehmen, | Iebendiges, ein dringendes, ein tiefgefühltes war, welches rief. Und in jedem Fall ift fie ein Zeugniß von der Aſſi fähigkeit des jübifchen Stammes, welcher Kibıt zu einer Be ihn in enge Ghettomauern drängte, ihn mit einem gelb fleden verjah und das Sonnenlicht faum gönnte, in derjelbe Bi feine Dränger und Peiniger fprachen, dachte, ſchrieb ichtete. Treten wir nun dieſer Literatur näher und hören ein hervorragender Kenner berjelben von ihr zu berichten I Eigenthümliche des Jüdiſch-Deutſchen befteht nach den gen ungen von Leopold Zunz darin, daß hebräifche und örter ober Wortwurzeln mit Beutfihen Wörtern oder formen dadurch verbunden werden, Daß das hebräifche ! deutfche Endung erhält und in diefer Weife deutjch flektirt Konſtruktion, Verbindung, Betonung und Anwendung, wol Anderung und Abkürzung Pe Wörter hat dieſes eige Sprachgefüge gefchaffen, auf befjen Untergrunde aber na Ermittlungen ſehr werthoolles althochdeutfches und deutfches Sprachgut ruht, das aus dem deutſchen Sprc verfchwunden, hier aber fi, merkwürdig erhalten hat. Judendeutſch jchließlich gar noch zu Ehren gefommen, und den Germaniften zur Erklärung der deutfchen Sprache, wi Kulturhiftorifern zur Kenntniß der Sittengefchichte des D herangezogen und eifrig ftubirt. Mit den Zügen und We der deutſchen Juden iſt natürlich ber jüdiſch-deutſche D durch alle Länder gezogen. Von Spanien zogen fie nad Iand, dann in Schaaren nach Polen, nachdem der ſchwarze ausgebrochen war. In Polen vermengt ſich dieſes Jüdiſe mit vielen polniſchen Sprachtwurzeln. Andere Juden 3 Holland und vermengten es dort mit holländiſchen Spr theifen; wieder andere nad) dem Elſaß und Frankreich un dort franzöfifche Wortformen hinein, ja ſogar noch jept n

ine unbekannte Bolksliteratur. 21

Jüdiſch⸗Deutſche in der neuen Welt, mit englifchen Wörtern vermifcht geraden und hat auch dort Heute fchon eine ziemlich anjehnliche iteratur umd eine reiche periodifche Preffe hervorgerufen. Charak- teriftifch ift aber, daß, obwohl dieje Sprache in jedem Lande eine eigenthümliche Färbung erhalten hat, der Grundton doch immer deutſch bleibt auch in der Miſchſprache, wie fie einerfeit3 in der neuen Belt und andererfeit3 in Polen und Rußland gefprochen wird. Das Juden⸗Deutſch beſteht nun nach den Forſchungen jenes Gelchr- ten, den ich fchon oben citirt habe, aus folgenden Hauptelementen: nömfich zuerft aus dem Hebräifchen, das für alle dem Sreife des teligiöjen Lebens entnommenen Begriffe und Ausdrüde angermenbet wurde, ſodann aus den wunderlichen Verbindungen des Hebräiſchen mit dem Deutſchen durch Zufägung bes ‚pilferonts „lein“ zu dem hebräiſchen Participium, durch deutſche Flexion Hebräifcher Wörter, burch willkürliche Zuſammenſetzungen oder Abbreviaturen, die dann als Wörter gelien, ferner aus der Anwendung von ungebräuchlichem und Tehferhoftem Deutſch und ſchließlich aus der Zufügung fremd- jprachlicher Worte oder einer derartigen Austpracie Ein beftimmtes grammatifches Geſetz in dies Sprachchaos hinein- gubringen, iſt bis jetzt nicht gelungen, obwohl ſich namhafte Forſcher darım bemüht. Auch die Prävalenz eines beſondern deutſchen Dialekts ift bis jegt micht herausgefunden worden; man nimmt gegenwärtig allgemein als Hauptbeftandtheile des Juden-Deutſch die ſübdeutſchen und fränkiſchen Dialekte an. So bietet dieſe ſeltſame Sprachmiſchung, beſonders in ihrem Vokalismus und Diphthongismus, der das volle Ge- präge des Althochdeutfchen trägt, ein eigenthümliches und intereffantes Gebilde, deſſen Bedeutung durch Die auf Demjelben ruhende Volfgliteratur womöglich noch verftärft wird. Ein hervorragender deutſcher Polizei- beamter, B. Ave-Lallemand in Lübeck, hat nt eingehende Studien über das deutſche Gaunerthum gemacht und ausführlich Darüber be— Tihtet, daß e3 im Anfang des vorigen Jahrhundert weit verzweigte iſche Diebesbanden in Deutichland gegeben hat. Sie h ſchen Dialelt in die Gaunerſprache eingeführt, und es iſt aus einigen Prozeſſen, die vor einigen Jahren in Berlin ſtattgefunden haben, ja befannt, in wie weit noch heute die Sprache der Gauner vom jüdiich-deutfchen Dialekt beeinflußt wird. Die Studien, die jener treffliche Forſcher auf diefem Gebiete gemacht, haben ihn aber jehr tief in die jüdische Literatur hineingeführt, fo daß er ihr einen anfehn- lichen Theil feines großen Werkes über dieſen Gegenſtand zu widmen loß. Sein Bud) über deutfches Gaunerthum " eine grundlegende it, welche aus vier Theilen bejteht. Im ihrem dritten Bande ent ſie eine ziemlich vollftändige Gefchichte der jüdifch-beutfchen Literatur, Nie ſich der Verfaffer mit einem Eifer und mit einer Sachlkenntniß ! ingelejen hat, um bie ihn mancher germamiftische Forſcher benei= I möchte. Hören wir nun, welches Nefultat diejer bedeutende : her aus ber Kenntniß des Jüdiſch-Deutſchen zieht. Es bietet ihm den ficherften Beweis, wie tief das Judenthum fogleich, bei

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feinem erften Srieinen auf deutjchem Boden in Wejen u

deutfchen Volfes eingedrungen ift, und wie die wunder Zähigkeit und wiederum die ebenfo wunderbare Sefügigteit thums das auf deutfchem Boden Erworbene beftändig tr feftgehalten hat, jo daß man das in ber Derfehrsfprndie d Volkes längſt aufgegebene Althochdeutſch und Altnieder überraſchender Kundgebung im Jüdiſch⸗ Deutſchen aufbew Auf der andern Seite aber ift die jüdiſch-deutſche Sprache äußerfter Gefügigfeit der deutſchen hiſtoriſchen Sprachwe folgt, ſo daß man ebenſoviel Mittelhochdeutſches wie Neuh im Judendeutſch deponirt findet und ſomit das Juden! große Zuverläjligfeit in Bewahrung der deutſchen Spra gen aller Phaſen befigt, welche ſehr überrafcht und für Sprachforfihung von Wichtigkeit ift.

Durch ſolche Vorarbeiten und MittHeilungen fint deutſchen Philologen auf das Jüdiſch-Deutſche aufmerkfam diefer verdorbene Dialekt der polnifchen Juden ift in Jahren bei den deutſchen Profefjoren hoch zu Ehren In der That, wenn in diefem Jüdiſch-Deutſchen verfpr bes Althochdeutſch und Mittelhochbeutich vorhanden fint es ja von bejonderer Wichtigkeit, daß daffelbe erforscht möchte da nur bemerfen, daß für den vorurtheilsfofen der in der Wiffenfchaft auch die Erfenntniß und die Wa die Thatfache, daß die Juden in Deutſchland im Mittele ihrer Vereinfamung Jahrhunderte lang diefen Dialekt ger doch wohl ein Zeichen tft, daß fie dem Geiftesfeben ber | den Welt doch nicht jo fern ftanden, als dies den Anj möchte. Von Spanien ift dies ja zur Genüge befannt vom deutſchen Geiſtesleben werde ich Gelegenheit haben weifen zu können. Es ift natürlich, daß diefe Literatur nale fein konnte; original nicht, aber originell ift fie u höchſten Grade originell und man wird das leicht begreife und traurig, wie auch jener Franzofe in einem Roman meinte: die franzöfifche Sprache ſei doch eigentlich eine | Sprache; der Mann hatte das Franzöfifche nur im Gefän Man fann dafjelbe vom jüdifch-deutfchen Dialekte jagen. Ben oni, ein Kind de3 Elends, der elegiſche Charakt hebräifchen Literatur überhaupt aufgebrüct ift in allen 9 Wandlung, ift auch ihm zu eigen. Aber er zeigt doch ei Geſicht; die Mutter nannte das Kind ben oni, Sohn der Toter ben jemini, Sohn meiner Rechten, Sohn des ( die jübifch-beutiche Poefie auf der einen Seite das Unglü und die Verzweiflung des Volkes wicderjpiegelt, fpricht fie au Seite wieder den Troft und die Hoffnung aus, welche If gefehlt haben, auch nicht in den trübſten Tagen des Mi

Den Stoffen nad umfaßt nun dieſe jüdifch-deutjet von der wir heute etwa 5—6000 Bände fennen, zunäd

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Lerfionen der Bibel, um die ſich ja alles gruppirt, was im Mittel: alter jüdijche Literatur heißt, Verſionen des Gebetbuchs, exegetiſche Baraphrajen der Bibel, aber auch ethijche Werke, Erörterungen über Ritualgejege, Bücher über jüdiſche und allgemeine Geſchichte, Romane, Geſchichten, Poſſen, Schwänfe, Räthfel, Schulbücher und andere Werte für die Jugend, im allgemeinen aljo alles, was das Leben des Men— ſchen und des Volkes zu jeder Zeit ausfüllen könnte. Entſpräche einem jo reichen Inhalt auch nur halbwegs der Geift diejes Schrift- thums, jo hätten wir es allerdings mit einer fehr bebeutungsvollen und originalen Literatur zu thun. Aber das ift eben nicht der Fall, & ift eine armſelige und dürftige Literatur. Sie ift intereffant und bedeutend nur durch die Zeit, in welcher fie entitanden, durch das Bedürfniß, welches fie befriedigt, und durch das Publifum, an welches fie fi wendet. Zunächit find es natürlich deutjche Verfionen des alts heifigen Bibelbuches, welche uns entgegentreten. Es ijt befannt, daß Luther, der Mann mit dem musfeljtarten, liebefräftigen Herzen zuerjt die Bibel verdeutjcht hat und dadurch die deutſche Schriftiprache in fo wunderbarer Weije ausgearbeitet und bereichert hat. Im Jahre 1534 erſchien die gefammte Bibel von Luther und die erjte jüdiſch— deutſche Pentateuchüberfegung fam im Jahre 1540 heraus, gewiß alfo ein Zeichen von Theilnahme des jüdiſchen Volkes und von Ver— ftändniß für das, was den Geift der Zeit bewegte, Allerdings wurde dieſelbe nicht in Deutfchland, fondern in Kremona gedrudt. Ein Jahr Später gab der befannte Paulus Aemilius eine ji Beutiee Verſion des Pentateuch® heraus, um den Beweis zu liefern, daß die Juden feineswegs, wie viele Chriften meinen, auch jet noch Hebrätich ſprechen“. Zu gleicher Zeit etwa erſchien aud) in Konſtanz eine jũdiſch⸗ deutſche Ueberjegung des Bentereue die ein getaufter Jude, Dice Aam Leo Juda ein Freund und Schüler Zwinglis, bei Paul Fagius herausgab. Dieſe Ueberfegung hat man fpäter jälfchlich dem berühmten hebräifchen Grammatifer Elia Levita zugefchrieben, von dem im darauffolgenden Jahre eine jüdiſch-deutſche Verſion des Pjalmbuches erjchien.

Während aber das Werk Luther? in der proteftantifchen und tathofijchen Kirche fpäter vielfach vernachläſſigt wurde, jehen wir mit Erſtaunen innerhalb des eng umſchriebenen Schriftfreifes des Jüdijch- Deutfchen eine Bibelüberſetzung nach der andern erfcheinen. Im fiebzehnten Jahrhundert treffen wir ſogar zwei an, die eine von einem ewiſſen Sekuthiel Blig, die andere von einem jüdifchen Setzer in

in, eine Konkurtenzarbeit; fein Name ift Joſel Wigenhaufen. lich, der Geſchmack war damals bereits verwildert, die Sprache iöchert und e3 lebte fein Geiſt in dieſen Ueberjegungen. Um ein Beiſpiel davon zu geben, in welcher Weiſe die ältejte be— ıte, alfo die Kremonejer Weberfegung, zu einer Zeit, da der chdeutſche, man Tann nicht fagen, Dialekt, aber da das Jüdiſch— uch noch ziemlich fchriftgemäß beſchaffen war, führe ich hier mie ein Vers der Bibel von ihr überfegt wird, und zivar der

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Vers Gen. 25. 34: „Und Eſau verachtete die Erſtgeburt“. Di moneſer Weberjegung verbeutjcht diefen Ver folgendermaßen verſchmeth Esaw feine eritigkeit”.

Ein Jahrhundert fpäter überfegt Blitz: „Aljo veradht Ejar erftgeburt“. Und Wigenhaufen verdolmetiht: „Un Cjan ſchmeht die Bechora* Bechora heißt nämlich hebräiſch „Erjtgı

Als dann fpäter jene Weberfegungsweiie, welche in den Schulen gemeinhin zur Anwendung faın, die aber trogdem in erjtorbenen und verfnöcherten Weife noch) etwas ungemein gemüt hatte, verjpottet wurde, da charakterifirte man dieſe polniich=j Lehrmethode dadurch, daß man ben Say gemäß der üblichen ſprache in folgender Weije überfegte: „Un es hot mebasse 8 Esaw die Bechoire.“ Alle diefe Weberfegungen, in denen die Sprache nur noch ein Lallen war, ja in denen oft aud) nicht einm einziges deutjches Wort vorfam, find natürlich für die höhere Erke jenes Schriftthums ohne Bedeutung. Einen ungleich höheren haben die Verfionen und poetijchen Amfehreißungen der Bibel, den ungemein charafterijtifchen Umftand, daß jene Bibelüberjet meift nicht in Deutſchland entftanden find. Es waren abe: deutſche Juden, welche aus Deutjchland aus irgend einem fortgezogen oder, wollen wir jagen, vertrieben wurden, und auch in der Ferne der Heimat gedachten, die fich ihnen gegenü ſchnöde erwies, die fie aber fo lichten, daß fie in der Sprad jelben jchrieben und dichteten. Da begegnet uns denn zunäd jehr merfwürdiges- Bud), ein Buch, welches wohl das populä feiner Weife gewefen ift und in hundert Jahren 26 Auflagen e Die erjte, wie es heißt 1695 zu Wefel; jo viel ich Weiß, if nicht mehr vorhanden. Der Verfafjer diejes Buches hieß Ja at aus Janow in Polen. Nod in den erften fünfzig { unferes Jahrhunderts hat es in feinem jüdifchen Haufe gefehlt Titel lautet: „Zeena u-reena“, was fo viel heißt als: „Komn fchaut“, ihr Töchter Judas. Es wandte fi zunächſt an die $ und Jungfrauen des jüdifchen Volkes, wie denn dieje ganze Lil und Sprache nicht mit Unrecht „Weiberdeutjch“ genannt wurt fofern nämlich diefe verfchiedenen Bibefüberjegungen fich in Reihe an Frauen wandten. Dieſes Werk ijt von einer merfwü Naivetät; da treten römiſche Imperatoren auf, die die alte £ interpretiren, die Propheten und Pſalmiſten des alten Bundes } fo ungenirt, als wenn fie im fechzehnten Jahrhundert in ein ſteckten Judengaſſe von Frankfurt oder Nürnberg gelebt hätten. alledem liegt aber ein ſoicher Reiz von Anmuth, eine jo ungekü Liebenswürdigfeit ausgebreitet, daß ſich ſchon daraus die Verbi dieſes Buchs leicht erklärt. Diefes Buch hat Jahrhunderte fa Mütter Demuth, Beſcheidenheit, Refignation, Innigkeit und Im feit gelehrt. Nicht umfonft ift das Deutiche Sprichwort: „Unter die fommen“, von hervorragenden deutfchen Schriftlundigen auf Ursprung zurüdgeführt worden; infofern es als der Jungfrau 5

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Preis galt, unter diefe Haube zu kommen, denn die Haube war damals ein Symbol der Züchtigleit und Beſcheidenheit. Das von der Haube eingerahmte Geficht bot einen Anblid des Friedens, der ruhigen Gemütlichkeit und Züchtigfeit dar, im Gegenjag zu den modernen Haarfrifuren, welche in ihrer phantaftifhen Wunderlichkeit den Kopf wohl von außen ſchmücken, zugleich aber aud) ein Symbol find von all den verjciedenartigen Wünjchen, Launen und Capricen, welche in dem fein frijirten Kopfe haufen. Die Jungfrau von damals trug aud) feine Zoden, fie ſollte eben nichts verlodendes und anloden- des haben, es fei denn für ihren Mann. Dafür aber waltete fpäter in ihrem Haufe ein Friede mit verfühnender Macht; mochten da draußen uno fo ftarfe Stürme toben, eijiger Hauch der Feindſchaft wehen, jo verbreitete fie innerhalb ihres Haufes, innerhalb der eng umfriedeten Mauern ihres Ghetto, eine jo wunderbare und idyllische Ruhe, einen ſolchen Gottesfrieden über alle, ihren Mann und ihre Kinder und in diefem Haus las, wenn der Sabbath, kam, die liebe alte Groß- mutter mit der großen Hornbrille auf der Naſe und ben Tieben leiſe bebenden Lippen, ihren Enfeln, ihren Töchtern und Nichten, aus jenem alten, vergilbten Buche und aus dem denjelben ergänzenden deutſchen Chumeſch (Bibel), jene wunderfamen Geſchichten, jene Sagen und Legenden vor, die ſich um das Leben der Patriarchen, der Propheten und Gejegeslehrer gelagert haben, jene traurige Gejchichte von dem Eril3- gang des Judenthums durch bange und jchwere Jahrhunderte und das alles war von einem fo inmigen Öottvertrauen biktirt, daß ein Zweifel daran weder in der guten alten Großmutter noch in den ſchönen Enfelinnen ke auftommen konnte.

Daneben entfaltete fich eine reiche ethiſche Literatur, die alle Bedürfniſſe befriedigt, eine Literatur, die vielleicht das, was in der deutſchen Literatur in jenem Jahrhundert auf dieſem Gebiete geleiſtet wurde, wenn auch nicht in der Form, fo doch hinſichtlich feines In— halts wejentlich übertrifft. Da tft zunächit ein „Frauenſpiegel“ aus dem Jahre 1602, von dem der Autor fagt, daß fich die Leute ihn faufen jollen, fich zu jpiegeln darin, und der in anmuthiger Versform die feinjten Sittenlehren und Moralfprüche enthält. Ein folches Verf mußte natürli in den seien für die es beftimmt war, mächtig zünden. Es ift begreiffich, daß die Begeifterung, die in diefem Literaturfreis fich geltend macht, denjelben nad allen Richtungen mehr zu erweitern jucht. Das populärfte Buch diefer Richtung war aber das Bud): „Die Seelenfreude“, welches alle andern verbrängte und er ungeheuren Popularität fich zu erfreuen hatte. Aus diefem

de möchte ich num doch einmal, um dieſen Kreis ber Literatur

Harakterifiren, eine Heine Probe geben. Es ijt eine moralische

zanwendung zu der Lehre des Talmud: „Die Leiden anderer find halber Troft“:

„Wenn ein Menſch allein ift in feinem Leid, hat er noch mehr

nmer, als wenn Leute zu ihm fommen und ihn tröften und er— fen von Leiden, die andere Menfchen haben ausgeftanden und

Eine unbekannte Bolksliteratur.

tröftet. Es iſt fein Menſch in der Welt, der nicht itte. Alſo hat Alerander von Macedonien feine Als er Sterben follte, hat er ihr diejen Brief ge— Mutter, den’: alles, was auf der Welt ift, ift ver- ı Sohn ft nicht gewefen ein Eleiner König, jondern Darum follft Du Dich benehmen wie die Mutter 98. Und nad) meinem Tode follft Du lajjen bauen 3 und folfft gebieten, es jollen zu Dir fommen alle Grafen und Fürften, an einem feftgejegten Tag ıftig und fröhlid) machen. Aud) (af ausrufen: Es ommen, dem ein Leid ijt widerfahren!... Nun, ‚etommen, daß ihr Sohn Alerander der Große ge- feinen legten Willen erfüllt und hat eine gewaltig ıbereiten laſſen und einen za feftgefegt, wenn alle kommen follen. Nun, d er xp ijt gefommen ba finden follte, und fie hatte gemeint, e3 würden gar n, ift aber nicht einer gefommen; fie find alle aus- e gefragt ihre Diener: Warum kommen die Leute H1? Was bedeutet das? Haben die Diener gejagt: : habt lafjen einen Befehl ausgehen, es joll feiner ein Leid erlebt hat und e3 iſt feiner vorhanden, ı Leid erlebt haben, darum fommt feiner nicht“... . s ift fein feichtes Moralifiren, fein trodener Pre- Exempel, Hiftorie; kräftig und naiv-geijtvoll wurde jonnen oder erdacht oder erzählt und daran eine vendung gefnüpft. Einen merkwürdigen Beitrag zu und Wandelungen, welche das Schriftthfum durch erfahren hat, bildet es aber, daß dieſe Geſchichte ‚m Kopfe der guten Frau, die dieſes Buch gejchrie- igen iſt. Man findet fie ſchon ziemlich wörtlich aten klaſſiſchen arabijchen Schriftfteller, Majudi, idſtes Buch, „Die Goldwiejen“, fie enthält. te, welche fich wundern, daß die jüdiſche Literatur sine Gefchichtsbücher aufzuweiſen hat. Solche Men- Gang diejer Geſchichte nicht. Noch che die Juden Leiden aufzufchreiben, brachen neue Leiden über fie 3 Vorangegangene verbuntelten. Der Weg der zehn Jahrhunderte hindurch geht über Blut und - und an der Quelle diefer Ylutjtröme und Thränen- :nius ber jüdiſchen Geſchichte. In folchen Tagen uſt am en da ſchweigt die Gejchichte, icht & fagen, fie hätten feine Gejchichtsbücher gehal en Schag bes jüdifch-deutichen Schriftthums findı Be Anzahl von Chroniken und Erzählungen, vo nden, welche ſich mit diefem Gejchichtsjtoff beſchäſf aächſt wieder ein altes Buch, deſſen Urſprung fid verliert, in jene Anfänge und Zufammenhänge be

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itafienifch-fpanijchen Stufturen, der fogenannte Jofippon, weldyer von den alten Juden mit großem Fleiß gelefen wurde und aus dem fie alfe ihre hiſtoriſche Wifjenjchaft geichöpft haben. Wichtiger und be deutungsvoller aber als diejes it das jogenannte Maaſebuch (Ge ſchichtenbuch), ein Werk, welches jo populär wurde, wie nur je eines und welches feine Popularität auch verdient hat, denn der Charakter dieſes Buches ift ein äußert merfwürdiger. Es ift für uns ein Stüd von der Gejchichte der Weltliteratur, in dem ſich die Wanderungen und Bandelungen der Stoffe am beutlichften verfinnlichen. Es iſt be- fannt, daß man in der neueren Zeit darauf gefommen ift, die Quellen unferes Erzählungsftoffs, in dem Lande der Lotosblume zu fuchen, in Indien. Weniger befannt wird es aber fein, daß in den Tagen zwiihen dem elften und dreizehnten Jahrhundert, da der gefammte Erzählungsitoff aus Indien über Arabien nad) dem Occident fam, es vornehmlich Juden geweſen find, welche dieſe Stoffe nach dem Oe— cident gebracht haben, jo daß wir in ihren Werfen faſt alle Erzäh— lungen, welche fi im Defamerone und in den Gesta Romanorum und ähnlichen Werfen finden, ja man kann wohl jagen, den ganzen Grundſtock der modernen Erzählungsliteratur dort finden, der von Juden aus Arabien gebracht worden und in Imdien feinen Urjprung bat. Und wie wunderbar! Im jechzchnten Jahrhundert tritt ein jüdifher Mann auf, fein gebildeter Schriftiteller, der weder Arabien noch Indien kennt, und fchreibt ein Buch, in dem dieſe Er— lungen gar oft wieder aus den chriſtlichen Quellen recipirt wer— n. Und auch hier finden wir wieder fait den gejammten Erzählungs- off, ja man kann jagen, die Quellen der Fabeln aller modernen Romane und Erzählungen, die durch die ganze Weltliteratur gehen und deren Wanderungen zu verfolgen, eines der interefjanteften Kapitel der Literaturgejchichte ift. Es fei mir gejtattet, eine Probe diefer Wandlungen aus dieſem Maaſe-Buch zu geben, eine alte indische Gefchichte, deren Urjprung wir eigentlich gar nicht mehr wiſſen, die wir nur aus der hinejiichen Ueberfegung feunen. Es it die Gefchichte von der treulofen Wittwe, eine Moral für viefe moderne Frauen, die Leferinnen find natürlich) ausgenom- men! Diefe Gedichte ift von dem römifchen Schriftiteller Petro- nius zu jener wunderbaren Novelle, welche wir unter dem Titel: „Die Matrone von Epheſus“ fennen, verarbeitet worden. In Ucbers jegungen treffen wir dieſe Novelle in allen Literaturen der Welt an. Hören wir nun, wie diefer ältefte Ehebruchsroman fid in jüdiſch— Rowtfcher Bearbeitung fpiegelt: „Man jagt, die Weiber haben leichten Einn, fie feien bald zu ‚reden. Denn es geſchah, daß einer Frau ihr Mann war ges sen. Und fie treibt großen Jammer und Klagen und wollt’ ihren m Mann gar nicht vergeifen und lag Tag und Nacht auf dem edhof und meinte und fchrie gar jämmerlicd um ihren lieben an. Da war ein Soldat, der war Wächter bei einem Galgen, hütet, daß man niemand joll herunter nehmen von dem Galgen

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nigs. Und derjelbe Galgen, der hat nicht weit iedhof, und derjelbe Wächter, der ging bei Nacht d redet fo lange mit ihr, bis er fie überredet, In der Zeit, da de bei ihm geweſen, ift einer den von dem Galgen, und wie der Soldat zu er nichts. Da fränkte er fich jehr und fürchtete : ihm Hängen lafjen, weil er nicht gehütet hat. frau und erzählte ihr fein Unglüd. Da fagte ürchte Dich nicht fo fehr, nimm meinen Mann äu ihn an deſſen ftatt.“ Da ging er Hin und ı Mann aus dem Grah und fie hängen ihn an t nun, wie die Frau gar fehr gejammert und Mann, und gleichwohl hat fie den böfen Trieb fich überreden lich von dem Soldaten. Deßwegen iber haben leichten Sinn und find zu überreden, Willen thun, wenn fie aud) traurig find.“ x frommen Lejerinnen bemerft der Autor in [ber doch findt man frume Weiber auch, die m ſolche Sachen nit thun!“ So ift der unge müthston, in dem dieje Erzählungen in der find, das für diefen Inhalt paſſendſte fehlichte jerwärtig und abjtoßend ſich in einer modernen ausnehmen würde, in jener alten Volksſprache it ihr vertraut ift, etwas traufiches und inner- fogar etwas unfagbar rührendes. Das Maaje- ht bloß Anklänge an indifche, arabiſche und n, an Märchen, wie wir fie in dem Märchen- zrimm leſen, fondern es ift ein Sammelwerf, ganz merkwürdig einheitlichen Charakter trägt, Sinfluß, den die deutſche Literatur jener Zeit auf te3 Zeugniß abfegt. Und diefer Einfluß erjtredt hnen. Er umfaßt nicht bloß die Formen dieſer ı%) Ihren Gehalt. Genau in gleicher Richtung ide geijtigen Strömungen. Dieje wie jene e wie jene Hr arınjelig in der Erfindung, wird geſchrieben. Beide verachten jedes Kunftgejeg ſiſtil iſt ihnen fremd; aber während die deutjche in Volfsbuch wie den Eulenfpiegel aufzuweiſen eutſche jo arm, daß fie aud nicht einmal mit fann und ſich mit den Nachbildungen bejfelben finden wir gegen Ende des fechzehnten Jahr: iſch⸗ deutſchen Literatur den ganzen Kreis der Voltsbücher in neuen Bearbeitungen vor: die , König Artus Hof, die Geſchichte des Fortu— fel und Wunfchhütlein, de3 Kaiſers Oetavianus, r einen geloblenen Diamant entdedt hat, der die ein Kind geftohlen (Preciofa), der Schild-

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bürger ober Lalleburger, kurz, der gejammte Stofffreis der deutfchen Literatur findet fih in den jüdijch-deutfchen Volksbüchern wieder, Natürlich hatte fih von dieſen der Eulenfpiegel der größten Po— pularität auch in den Kreifen des jüdifchen Publikums zu erfreuen. Die_ältefte Bearbeitung (1600) wurde von Benjamin aus Tann- haufen zum Drud gebracht; der Titel lautet: „Wunderparlid) un jelgjame Hiftorie Til Eulenjpiegels, eines Pauern, pürtig aus dem land zu Braunfchweig, neilich aus ſechſiſcher ſprach auf ut hoch teutſch vertolmetſcht, jer furzweilig zu leſen. Itzund wieder frifch ge— fotten und neigebaden“. Auch }päter wurde das Buch wiederholt neubearbeitet. Eine zu Breslau in der Mitte des fiebzehnten Jahr- hunderts erjchienene Ausgabe trägt den Titel: „Eine wunberbahre Geſchichte von Eilenfpiegel, gedruckt in diefem jahr, wo das Bier teier war.“ u

3 find echte Volkslieder nach bejtimmten populären Melodien ger ingen, bie weltlichen nach der Melodie des Babobuchs, die geiftlichen

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nad) der des Samuelbuchs, dieſe wie jene der Ausdrud tiefen Em- pfindens und unüberwindlichen Gottvertrauens, das fich in diefen Xiedern immer manifeftirt hat. Die Dichter waren meiſt aud) die Sänger, die jogenannten Spielfeute, die vor den Feſttagen und zu Hochzeiten durch alle Lande überallhin, wo ſie offene Ohren und offene Hände fanden. Natürlich fehlt es dieſen Liedern nie an rechter Veranlafjung aus der fo reichen Geſchichte des Judenthums; jedes Unglüd, da den Stamm oder eine Gemeinde traf, bot reich- lichen Stoff, nicht minder grobe Ralamitäten wie Feuersbrünſte, Judenverfolgungen und dergleichen; willkommeneren Stoff lieferten Hochzeiten und andere Familienfeite, hiſtoriſche Freudentage, und am meiften jene Lieber, melde bei hu eitsfeierlichleiten vorzugsweiſe von einem fogenannten Marichalt ( [fnarr) gefungen wurden und die dem jungen Ehepaar des Lebens Luft und Leid im bunten Spiegel der oe te vorzuführen hatten. ; ber auch im Spiel der Scene blieb ihnen die Iuftige Perfon bes 4 Narren nicht fremd. Denn, wie ic, ſchon im Eingang gejagt habe, auch : Poſſen und Schwänke haben wir in diefer Literatur aufzufuchen. Die ältefte derfelben behandelt die „Berfaufung Joſephs“, den viel- beliebten biblijchen Stoff, mit einem ſolchen Realismus, daß er ſelbſt der modernen franzöfiichen Dramatik nicht nachzuftehen brauchte. Die entſcheidende Scene zwifchen Jofeph und der frau von Potiphar ift aber gleichwohl von einer unerwarteten Diskretion. Es auch in den jüdiſchen Schwänken nicht an Frivolität. Ich muß aber doch fagen, daß die Diskretion, welche der Dichter dieſes Schwanks gegen jeine verehrten Zuhörerinnen übt, nicht von allen Genoffen beliebt wurde. Es gab roch ein anderes Karnevalsſtück, das „Ahasverusfpiel“, das gleichfalls in Gegenwart eines weiblichen großen Publitums zu Frankfurt a. M. mit Pauken und Trompeten aufgeführt wurde, und das von einer Frivolität gewejen fein foll, vor der jelbft der moderne franzöfiiche Nealift zurücichreden würde, Hat nun aber diefe Literatur nicht auch wiſſenſchaftlichen Zwecken

gedient? Allerdings, aber diefer wiffenfchaftliche Zwed war eben auch nur für populäre Bebürfnifje angewendet. Wir finden Lehrbücher der Geometrie und Arithmetif, der Aftronomie und anderer Discipfinen nad) dem damaligen Stand der Wiſſenſchaft in diefer Literatur überreich vertreten. Wir finden auch verfchiedenartige Auslegungen des Ge ſetzes, aber diefer Kreis tritt zurüd Hinter emjenigen, den ich eben zu fhildern unternommen habe, a inter der Ausgeſtaltung einer populären Volksliteratur, die den Bedürfniffen der Allgemein- - beit entgegenfam. j Es jei mir ſchließlich aber noch geftattet, einen Beweis jeben, was bie alten Juden gelefen und wieviel Bücher fie geka

ben. Im Jahre 1787, aljo vor mehr als hundert Jah haben die Juden in Oeſterreich für 300,000 Gulden Bür getauft, aus dem Kreife ihrer Literatur und in däbiie-beutfe

pprache. Diefe Ziffer bedarf feines Kommentars. öge fich je

Eine unbekannte Bolksliteratur. 3

von und im ftillen prüfen, ob wir modernen Menfchen in diefer neuen Zeit in gleicher Weife, wie die Altvordern dafür Sorge tragen, daß das Schriftthum unterhalten und gefördert werde. Die jüdtjch- deutſche Literatur jelbit jchließt mit diejer Periode noch nicht ab. Ich habe bereits gejagt, daß ihre Ausläufer fich noch. weithin in unfer Jahrhundert erjtreden, daß fie heute noch ein reiches Schrift» tum im jlavijchen Dften hervorbringt. Für uns ift ihre Gelkung und Berechtigung abgefchloffen. Vor dem Poſaunenſchall der neuen Zeit, den ein Leifing und Mendelsfohn zuerjt ertönen ließen, find die Mauern des Ghetto zufammengeftürzt und fie werden nie wieber aufleben. So bietet diefer ganze Kreis nur noch ein Hiftorifches Intereffe, indem wir erfennen, daß dieje armjelige und bürftige Kiteratur troß aller Beſchränkungen und Hinderniffe doc, alle ig. tungen, die mit der Literatur der Menjchheit zufammenhängen, ver- folgt hat. Auch aus ihren Werfen fann man das Wehen des nach der Erkenntniß des Höchſten ringenden Geiftes verfpüren.

Bilder aus Weft-Sibirien.

Bon Dr. Hermann Roshofäug.

I Ber Irtyfd. er_Dampfer, der una von Weften her in das Innere Sibiriens führt, gelangt zwar in_immer größere lüffe aus der Tura in den Toböl, aus bem X Toböl in den Irtyſch und aus diefem in den „Va- ter der Flüffe“, den Ob aber er bringt und auch immer troftlojfere Einöden. Tobolsk war eine freund- liche Dafe in der Wüfte, aber faum find die weißen Mauern feines Kreml im Morgennebel verjhwunden, fo befinden wir uns aud) ſchon wieder zwifchen öden, einfrmigen Uferftreden. Je mehr wir uns von Tobölsf entfernen, deſto jeltener werden Die Menſchenwohnungen, meift Tatarendörfer, Gruppen düfterer, alter- grauer Holzhäufer nur felten ein ruſſiſches Dorf, das durch die große Kirche mit den Kuppeln und blendend weißen Mauern als ſolches kennbar ift. Meift find beide Ufer des Irtyſch bewaldet, das flache linke Ufer ift mit Birken, Talnik und Weiden verjchen, das ſchröff abfallende, Hohe rechte Ufer dagegen mit Tannenwald bebedt. Ueberall find auf dem rechten Ufer die Spuren der zerftörenden keit des Waſſers bemerkbar. ALS echter ruſſiſcher Fluß unter wühlt auch der Irtyſch unermüdlich fein rechtes Ufer, reift weite Streden Uferland in feine Fluten hinab und rüdt immer weiter nad) Often vor. Erdftürze, bei denen 10,000 und mehr Kubikklafter

Uferland ins Waſſer ftürzen, gehören durchaus nicht zu den Gelten- heiten. Welch' gewaltige Revolution das im Waffer hervorbringt, Tanıı man fid, leicht vorftellen. Wo die Erdmaſſen niedergeftirzt find, dort weicht für einen Augenblick das Wafjer jo zurüd, daß das Zlußbett zu Tage tritt, und während das gegenüber liegende Ufer weithin überflutet wird, ftürzen ee Slutwellen flüßaufwärts

und flußabwärts. Wehe den armen Fiſchern, die vielleicht in dieſem Augenblick ahnungslos in ihrer Hütte ſchlafen! Fünfzehn bis zwan- zig Kilometer weit macht ſich bisweilen ein folder Erdſturz bemerk—

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Silder aus Weh-Sibirien. 33

bar und bringt den Uferbewohnern Tod und Verderben. Wehe auch) jedem Schiffe, das fich in der Nähe befindet! Wenn c3 dem Steuer- mann nicht gelingt, raſch das Vordertheil des Bootes der anftürmen- den Woge entgegen zu fehren, wird daſſelbe umgeftürzt oder zer- jchmettert und die Mannſchaft ift in den meiften- Fällen rettungslos verloren. Kleine Fahrzeuge entrinnen in der Regel der Gefahr eher als große, welche viel ſchwerer lenkbar find und die zu ihrer Ret— tung unumgänglich nöthige Wendung nicht fo rafch ausführen kön— nen. Wenige Minuten nad dem Erdſturz fließt aber der Irtyſch wieder ruhig wie zuvor und nur die Unmajfen todter Fifche, welche feine Oberfläche und die Ufer bededen, verrathen dem Kundigen, daß wieder einmal ein Erdſturz ftattgefunden hat.

Wenn der Strom in langer Minirarbeit das Ufer genügend unterwühlt hat und die Kataſtrophe endlich eintritt, dann reißt er alles, was fich auf der unterwühlten Strede befindet, Gebüjche, Bäume und Hütten mit ihren Bewohnern in da najfe Grab hinab. Auf weiten Streden bilden gejtürzte oder angejchwemmte Baum— ftämme einen dichten Zaun längs des rechten Ufers. Hier fchwebt ein Baum, nur noch loje in dem lockern Erdreich Hängend, faft wag- recht über dem Waſſer, ein dem Untergang Geweihter, den ſchon das nächſte Hochwafjer mit fortreißen wird dort ijt eine ganze Erd» ſchicht zum Ufer hinabgerutſcht und die auf ihr ftehenden Bäume haben, obwohl wirt durcheinander geworfen, doc, noch einmal Wur- zel gefaßt zu einem furzen, ausfichtslojen Widerjtand.

Nichts vermag bie verderbliche Minirarbeit des Irtyſch fo deut ich zu veranfchaulichen, als die Geſchichte der Ortſchaft Demjänst. Seit ihrer Gründung im Jahre 1637 mußte diefelbe bereit3 zweimal weiter landeinwärts verlegt werden und ift heute etwa 11, Kilo- meter von der Stelle entfernt, auf der fie urjprünglich ftand. Die Stelle, welche die ältefte Kirche von Demjansk einnahm, befindet ſich heute bereit3 auf dem andern Ufer, und über jene, auf welcher die Kirche der zweiten, bereit landeinwärts verlegten Nicberlajjung ſtand, fließt heute der Irtyſch. So weit ift derfelbe in 250 Jahren nad) Oſien vorgerüdt! Und namentlich bei Demjansk dringt er in ra chem, unaufhaltfamem Siegeslauf vorwärts, Uferftreden von 150 bis 200 Meter Länge und bis 40 Meter Breite zum Sturze bringend. An Viderftand, an Abwehr ift gar nicht zu denken. Der Menſch ift

ier im teten Rüdzug begriffen und er räumt feiner Ohnmacht ſich wußt, vor dem entfeffelten Element ohne Kampf eine Pofition ach der andern.

Mit dem Waffer wetteifert das Feuer im Zerjtörungsmwerf, ann und wann verkünden große fahle Streden auf dem Hohen ten Ufer, daß hier einer der verheerenden MWaldbrände, wie fie des Jahr in Rußland zu Hunderten bringt, am Waſſer fein Ende funden hat. Nur wenige halbverfohlte Baumftämme tagen noch 3 traurige Denkmäler der Verwüſtung über ſpärliches, niebriges kebüfch empor. Die Unfitte, die Felder abzubrennen, außerdem der

Der Salon 1889. Heft. Band I. 3

Bilder aus Wef-Sibirien.

velchem beim eueranmaggen im Walde jaupturfachen der Waldbrände. Das Feu üſch, pflanzt fp von diefem zu den $ ) hunderte von Morgen herrlichen Wald lammen. mit den mittleren Gouvernements bei

in denen der Waldreichthum im legten 2 ı 39 Prozent abgenommen hat, ift allerbi noch gut geftellt, aber je näher der Seen o größer ift die Waldverwiritung. Die fibirifchen Wälder überhaupt zeichnen ſich tigfeit der Holzarten aus. Die Birfe und tkontingent. Die Birke kann man als ein bezeichnen, denn man trifft fie überall, genden am Obiſchen Meerbufen und am 3 ihre mannigfaltige Verwendbarkeit erwe glichiten Bäume. Sie liefert dem Sibirier Hütte, aus ihr verfertigt er Tiſche und 2 seje fie als Brennmaterial und ihre Rint elei Gefäßen zu verarbeiten. Der Burak, iß, das in verjchiedenen Größen von etwa zum faßartigen von etwa 150 Centimeter timeter Durchmeffer verfertigt wird und biriens fehlt, hat ‚gro: einen hölzernen 2 ı hölzernen Dedel geiätoffen, aber die tehen aus Birfenrinde, und die Fugen fi yerartige Gefäße als Waffereimer, zum Au w. benugt werben. ächthum, der troß der Verwüftungen dur ce noch vorhanden ift, zeichnet jedoch nur i 3er von Tobölsf den Strom aufwärts Begenden, welche völlig verjchieden find ! Fahrt von Tobölst bis zur Vereinigung Kennen lernt. Der Irtyſch ändert über auf mehrmals feinen Charakter. Als wil such den Altai dahin, an deſſen ſüdweſt 90 Grad öftl, Länge und 46 Grad vet als Schwarzer Irtyic in den Saifon its als breiter Fluß aus dieſem ausget irgslandſchaften zwiſchen Uft-Stamenogörzt n Schönheit mit den Ufern bes Rheins n er an Senipalätinsf und Pawlodar feine Wafjermafjen immer weiter aus, abı er nun fließt, nimmt immer mehr den eiſt bededen Schilf und Weidengebüfc die Toboͤlsk vollzieht fi dann die legte | em mit Laubwald bededten flachen Ufer. ;

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und einem meift fteilen, mit Nadelholz bejtandenen rechten Ufer eilt der Irtyi feiner Mündung in den Ob zu. Gleit m letztern iſt der Sei übern) an köſtlichen Zifch- arten, doch jein ——— wird nur im obern und im untern Theil ſeines Laufes in größerem Maße ausgebeutet. Im untern Theil find zwar die Djtjafen noch im Beſitz des Fijchereirechtes, aber fie nugen dafjelbe nicht felbjt im großen aus. Biel ſchwächlicher als die Rufjen und feine Freunde kehwerer Arbeit, ziehen die Oſtjaken einen Kleinen, mühelos erworbenen Gewinn einem durd) Arbeit er= ngten großen Gewinn vor und verpachten das Fiſchereirecht an allge Unternehmer. Diefe erjcheinen dann mit Schaaren von Ar- beitern und laſſen zum: ade an einer günftigen Stelle die nöthigen Sebäube errichten: ein Wohnhaus für bie Arbeitey, eine Küche und Baditube, ein VBabehäuschen für die dem Ruſſen unentbehrlichen Dampfbäber, eine große Hütte, in welcher die Filche eingefalzen wer= den und mehrere Lagerräume. Das Leben, das die Grbeiter aul Äaheen Stationen, oft fern von jeder Niederlaffung, mitten im Sump ihren, ift nicht beneidenswerth: ſchwere Arbeit bei fehlechter, sinför- iger Koft und Zifchfuppe, nur an Feſttagen auch Thee) und Bist ein Lohn, der nur in Sibirien möglich ift, wo das Geld erth Hat und die Nachfrage, nad) Arbeit größer ift als dag Wenn die Zahl der Arbeiter groß ift, kheilen fie ſich ge— wöhnlich in zwei Parteien, welde abwechſelnd einen Tag arbeiten und einen Tag raften, oder auch einander nad) einer beftimmten An= von Netzzügen ablöſen. In letzterem Falle iſt die Arbeit eine ſonders mühevolle. Bet günftiger Witterung braucht man zu einem Nepzug 4 bis 4, Stunden, bei ungünftiger vergehen qumeifen ans derthalb Tag und während diefer ganzen Zeit muB der Arbeiter faſt ununterbrochen aeftvengt thätig fein. Zum Ausruhen und zum Trodnen feiner Kleider bleiben ihm kaum 8 bis 10 Stunden. So verdient der Mann während bes ganzen Sommers etwa 40 Rubel und doc, fehlt es nicht an Arbeitern, welche jahraus jahrein fich wieder einfinden. Der geringe Lohn wird den mit ruſſiſchen Ver⸗ hältniſſen nicht Vertrauten umſomehr überraſchen, wenn er hört, wie rieſig die Fiſchausbeute iſt. Nach den Angaben der Fiſchereizüchter ſolien alfein im untern Irtyſch jährlich ein 100,000 Pud (etwa 1,800,000 Kilogramm) Fiſche gefangen werden und noch viel größer iſt die Ausbeute im Ob. Dort liefert allein der Kreis Narym jähr- lich 100,000 Pud im Werte von etwa 400,000 Rubel. Trotzdem Haben aud) bie Pächter mit großen Schwierigfeiten zu kämpfen, denn gerade ein fiſchreiches Jahr kann für fie ein Dertuftbringendes wer⸗ ven. Zuweilen treten nämlich bie Fiſche in ſolchen ungeheuren Maf- ern daß ihr Preis tief Herabjinft und fie faft allen Werth ‚erlieren.

Für den Verfand werden die Fiiche auf viererfei Weiſe herge— ice, Die große Mehrzahl wird eingejalzen. Sobald fie ans Sand yebracht find, werden die Fiſche ausgenommen, gereinigt und gewa—

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Silder aus Welt-Sibirien.

in eine Tonne gelegt, auf deren 3 findet. Wenn die erjte Lage Fische lz bejtreut, auf dieſes eine zweite Lay mit Salz beftreut, und fo ahnt mar t, worauf man fie loſe mit einem Ded sicht gelegt wird, um den zur Erzeug ruck auszuüben. Je nad) der Witterı Tage in der Tonne, worauf man fie wäjcht und dann in das Vorrathshe fendung liegen bleiben. Bei diefem und gleichmäßig gefalzene Fifche und Pud (16,,, Kilogramm) Stör etwa 1 dere Fiſche, welche Heiner find und bis 10 Pfund genügen. Auf vielen nn wohl fagen, auf ben meiften eit nicht ſelbſt beauffichtigen, wird d ührt und e3 ift manche Unfjauberfeit ı aller Eile ausgenommen, oberflächlic t fchlechtem Salz gefüllt. So fdid äßt fie fieben Tage in ihr liegen. D „raſch gewafchen und der Größe n ‘haus hufgehäuft, wo fie bis zur L n bleiben. Die fo zubereiteten Fiſche von fo geringer Qualität, daß fie 1, welche auch mit der ſchlechteſten Kc ihr Preis ein geringer ift. Die eir enthalten wieder jo wenig Salz, daf vermag und fie in Fäufnih übergeher igsort erreicht geben. eiten üblichen Konfervirungsmethode, ! 2 Fifche viel beffer. Die im Somn deren Setteichen oder fonftigen Waffı r bis Ende Oftober, zuweilen bis M ı herausgenommen und in geftorenem c ift jeboch die Rücfichtsfofigkeit zu ı pächter zu Werfe gehen: Die vielleicht iches oder wegen fhlechten Waſſers iſiandslos mit den anderen verfandt inem Fifch anzufehen, ob er vor dem ( war? Nur bei den im Winter gefa befürchten, da folche Fiſche fofort gel herausfommen. geſalzenen und gefrorenen Fifchen wer ster verſandt. an jchligt die Fifd heraus, hadt Kopf und Schwanz ab Uen Einfchnitte, die leicht mit Salz e ı die Fijche auf Stäbe ftedt und an di

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läßt. Die vierte Art der Konfervirung beſteht darin, daß man die a bie vorbefchriebene Art hergerichteten Fiſche räuchert oder Leicht ratet.

Das ganze Verfahren ift ein fehr primitives und große Werthe sg am Irtyſch alljährlich ungenugt verloren, theils aus Unkennt⸗ mß, theils wegen der Indolenz der Bevölkerung, welche gar fein Verlangen nach Verbefferung der bisherigen Methoden ber Fiichfang- verwerthung zeigt. Kaviar, Thran, Fiſchleim, Haufenblafe könnten bedeutende Erportartifel fein, aber fie kommen heute faum in Bes tracht. Der aus den fibirifchen Stören, der Nelma (fibiriichen Lachs) und anderen Fifchen gewonnene Kaviar könnte ganz gut mit dem aſttachanſchen wetteifern, da bie größere Entfernung von Niſchnij Nowgorod und die mit dem zweimaligen Umladen verbundenen Schwierigkeiten größtentheil® durch die billigeren Arbeitslöhne auf- ggnoen werben, aber infolge des unrationellen Verfahrens ift die

tenge bes ſibiriſchen Kaviar fo gering, daf er gegenüber den Maj- fen des aftrachanfchen auf dem Marfte völlig verjchwindet, ganz ab⸗ gefehen davon, daß er infolge der nacjläffigen Reinigung an Qualis tät weit Hinter jenem zul bleibt.

Jedenfalls ift es Ruffen bis heute noch nicht gelungen, aus dem Irtyſch (und ebenfo aus dem Ob) den vollen Nuten zu ziehen, ben derfelbe zu bieten vermag; fie haben das Pfund, das in ihre Hand gelegt wurde, nicht entjprechend verwerthet.

! II. Ein Berbanntentransport.

on in Moskau und auf der Fahrt von dort zum Ural hat

der Reifende im Sommer häufig Gelegenheit, Gefangenentransporten zu begegnen, beren Endziel Sısirien iſt. Die zur Zwangsarbeit Katorſchnaja raböta) oder au nur zur Anſiedelung in Sibirien ilten werben pon Moslau, dem Hauptfammelplag, in ver

i Eiſenbahnwagen nach Niſchnij Nowgorod gebracht, von wo in eigens für ihren Transport hergerichteten großen Schleppbar⸗ bis fahren. Im Perm bejteigen fie wieder vergitterte Waggons der Uralbahn und fahren nach Katharinenburg und dann mit ber fibirifchen Eiſenbahn bis Tjumen. Dort liegen Dampfer mit Schleppbarfen bereit, auf meihen legteren fie auf der Tura, dem Toböl und Irtyſch in den Ob gelangen und nad) acht- bis neuntägiger ununterbrochener Fahrt Tomsk erreichen. In Tomsk —+-t der troß aller Strapazen und Unannehmlichfeiten immer noch Altnigmäßig erträgliche Theil der Fahrt, welche von Mosfau Tomsk etwa neunzehn Tage gedauert hat. Diejenigen, welche Oſt⸗Sibirien bejtimmt find, müffen nun den Weitermarſch auf der dſtraße antreten, bis wieder ein Fluß erreicht ift, ber Jeniſſei der Amur, ber ihren Transport zu Wafjer ermöglicht. Da

lich Taufende nach Sibirien „verſchickt· werden, für ihren Trans⸗ aber nur eine furze Sommerszeit zur Verfügung fteht, hat jeder

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von Tyumen nad; Dften fahrende Dampfer eine Gefangenenbarfe im Schlepptau und der Neifende kann das Leben und Treiben auf einer ſolchen mit Muße betrachten.

Da macht man fehon in den erſten Stunden die Wahrnehmung, daß der Transport der Gefangenen viel von den Schreden verloren hat, mit denen er noch vor wenigen Jahrzehnten umgeben war. Die gut ift vorüber, in welcher die Knute roher Kofafen die ermatteten

jefangenen vorwärts trieb und viele unterwegs den Strapazen und der Kälte erlagen. Eine humanere Behandlung hat Plag gegriffen, aber trotzdem bietet fol’ ein Werbanntentransport immer noch ein ungemein abftoßende3, mit unferen Anſchauungen von Civilifation unvereinbares Bild. Der weitaus größere Theil der Gefangenen beftcht zwar aus Individuen mit echten Galgenphyfiognomien, im deren Zügen die moralifche Verworfenheit und die Vermwilderung ſcharf ausgeprägt ift, aber wenn auch für dieſe fein Mitleid in un— jerer Bruft rege wird, fo macht fich daſſelbe doch um fo lauter für die. Unglüdfichen geltend, welche nur cine übereilte That in dieſe Geſellſchaft gebracht hat. Namentlich) in bewegten Zeiten, wie wäh— rend der olenauffeinde und fpäter zur Blütezeit des Nihilismus, jenügte fehr oft ſchon ein nach unferen Anfchauungen geringfügiges Bergehen zur Verbannung nad) Sibirien und mancher junge Mann hat damals jchon wegen des bloßen Beſitzes verbotener Schriften jeine_beften Lebensjahre in unwirthlicher Gegend vertrauern müffen. g ſolchen Leuten gefellt ſich jahraus jahrein ein nicht geringes ontingent von Verbannten, welche mit der treuherzigften Miene von der Welt verfichern, daß fie nicht wiſſen, weßhalb fie verbannt find und die es aud) in der That nicht wiſſen. Da find Bauern, Die fid) bei maßgebenden Perfünlichfeiten in ihrem Heimatsdorfe miß— Tiebig gemacht und die Gemeinde hat fie durch einſtimmigen Beſchluß ausgeſtoßen und an die Regierung den Antrag geftellt, fie in Sibirien anzufiedeln, wobei vielleicht aus Furcht vor gleichem Schickſal der eingefchüchterte Vater gegen den eigenen Sohn geftimmt hat; da find aber auch Vertreter all! der verjchiedenen nicht ſlavi— ſchen Völferfchaften des Rieſenreiches, der Tjcheremiffen, Tſchuwaſchen, Baſchkyren, Wotjafen, Permjaken u. a., welche, noch auf einer jehr niedern Kulturftufe ftehend, fein Verſtändniß für die Anforderungen haben, die ein moderner Staat an feine Bürger ftellt, und die deß— halb in ihrer Ummiffenheit bald gegen diefen, bald gegen jenen Ges jegesparagraphen verftoßen Shfer ihrer Dummheit, möchte man jagen, wenn nicht zuweilen auch ein gut Theil Beamtenwillkür oder zum mindeften unverftändige Strenge der Beamten an ihrem Un— glüd ſchuld wäre.

So ijt die Gejellfchaft, die fih auf der Gefangenenbarfe befin- det, aus den verfchiedenartigften Elementen zufammengefeßt, aber ihrı Behandlung bleibt jtet3 bie gleiche, mag nun die Urjache der Ver⸗ bannung ein Mord, ein politifches Vergehen, ein betrügerifcher Ban= ferott oder was immer fein. Bis vor etwa drei Jahren erfreuten

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ſich nur diejenigen, welche über reiche Geldmittel verfügten, einer Heinen Bevorzugung. Man geftattete ihnen, wenn jie die Koften einer befondern Eskorte bezahlten, die Fahrt nach dem Verbannungss orte, ſowohl auf der Eifenbahn, als auf den Dampfern abgefondert von den übrigen Verbannten in einer beliebigen Kaffe zurüdzulegen und fi) auch weiterhin entweder der Poft oder eines eigenen Wa— gend zu bedienen. Das hat aufgehört, ſeitdem eine Minifterialv ordnung verfügte, daß ein folcher Transport auf Koften des Ver— bannten nur noch dort erlaubt fein foll, wo weder Eifenbahnen noch Dampferverfehr vorhanden ift, daß aber auf den übrigen Streden I Derbannte ohne Unterfchied den allgemeinen Transporten zu folgen habe.

Die Barken, in welchen fie die wochenlange Reife auf den eu— ropãiſchen und fibirifchen Flüſſen zurüdzufegen haben, find nicht Ei- genthum der Regierung. Die Regierung hat mit zwei Rhederfirmen Kontrafte geſchloſſen, durch welche dieſe ſich zur Stellung der nö— thigen Anzahl Barken befonderer Konftruftion verpflichteten. Die- felben find ebenjo groß wie ber Dampfer, der fie im Schlepptau hat und fcheinen ſich auf den erften Blick von einem folhen nur dadurch zu unterfcheiben, daß ihnen die Mafchine fehlt. Erſt wenn man näher fommt, erfennt man, daß ihre ganze Anlage eine andere ift. Das Verdeck des hell-tothhraun angeltrichenen Fahrzeuges iſt fait in der Kae Länge überdacht, und in dem überdachten Raum be-

i

finden am Vorder⸗ und Hintertheil des Schiffes durch einen ſchmalen dunfeln Gang getrennte Kajüten, in benen bie Offiziere

mit der Wachmannſchaft und die Matrojen einquartiert find. Der weite Raum zwifchen ben beiden Kajütengruppen dient zur Aufnahme der Gefangenen und zerfällt in eine Abtheilung für Männer und in eine Abtheilung für Frauen, welche beide an den Längsjeiten durch ein jtarfes Gitter eingeichtoffen find. Ein fchmaler Gang führt wiſchen dieſem Gitter und dem Bordrand dahin, gerade breit genug, Ih dort ein Wachpoften patrouilliren kann. Droben auf dem Dache halten fich der Steuermann und das übrige Schiffsperfonal auf, welches zur Lenkung der Barke erforderlich iſt. Hinter dem Gitter aber fagern, dicht zufammengepfercht, 500 bis 600 Menfchen, Män— ner, Frauen und Kinder.

Es ift ein Bild des Jammers und tiefiten Elends, das man da vor ich fieht. Nothdürftig mit einigen Lumpen bekleidete Kna— ben und Mädchen, bleich und abgehärmt ausfchende Frauen, darun- viele mit Säuglingen an ber Bruft, die ihren Männern freiwillig

h dem Verbannungsort folgen und das alles hockt und liegt ſchen den aufeinander gethürmten Ballen und Bündeln, in denen ihre ärmliche Habe mitführen, und wenn die Barfe irgendwo ans t, drängt fig altes zu dem Gitter vor, um neugierig die am Ufer ehenden zu betrachten ober, falls noch Geld vorhanden ijt, einige benämittel zu faufen. Nebenan in der Männerabtheilung gewahe ı wir wieder ein anderes Bild. Welch’ entjegliches Durcheinander

Silder aus WeR-Sibirien.

der verworfenften Phyfiognomien! Wie verfchieden bie ! auf uns gerichteten Augen! Theilnahmslos ftiert der ein Bin, die Fugen des andern verfolgen uns hinter dem heimlich funfelnd gleich Raubtfieraugen; fein Kopf iſt g und nur in der Mitte deſſelben ein Streifen Haare ftehen welcher lebhaft an den nun glücklich zu Grabe getragenen | NRaupenhelm erinnert. Außer diefem Brandmal des Zuchth man bei vielen bemerkt, tragen alle leichte Ketten an di Den Unbilden der Witterung find Männer, Frauen u ziemlich ſchutzlos preisgegeben. In den drüdend heißen monaten gewährt ein Segeltuch, das Hinter dem Gitter her werden Tann, einigen Schuß gegen die Sonnenglut, wen Nächte fühl zu „werden beginnen und ein falter Wind t durch die Gitterftäbe peitjcht, wird die Lage der Eingeſchloſ ſehr traurige. Bei ſehr kalter Temperatur, unter welcher die erjten Transporte im Frühjahr, unmittelbar nad, dem zu leiden haben, werden die Gefangenen im untern Schiffs geiötoffen, wo alsdann durch die Ausdünftung fo vieler ald eine entfegliche Stidluft erzeugt wird. In dem v Raum befindet N auch eine Eleine Küche, d. h. ein Herd, chem die Frauen Fiſche oder Kartoffeln kochen können, u Röhren, an denen ſich mehrere Hähne befinden, leiten heiß zur Theebereitung in den Gefangenenraum. Daß in letz Reinlichkeit feine Nebe fein fann, ift jelbftverftändlich,

fold' eine Barke an ihrem Beftimmungsort angelangt ift traurige Fracht abgeladen hat, erwartet die Matrofen die eines Augiasjtalles, aber die Gefangenen jcheint die Un ihres Aufenthaltortes nicht jonderlich zu berühren. Wenig ic) nie eine Klage über die an Bord herrſchende Unſaubert während jeden Augenblid Klagen darüber laut wurden, Raum für jechs- bis fiebenhundert Menfchen zu eng fei.

Dies zeigt eben wieder nur, daß man Verhä einem ganz andern Maßſtab meſſen muß als die unfrigen. fcheint dag Loos dieſer Leute während des Transportes v licher als die langen Jahre der Verbannung, welche fie Beſtimmungsorte werden zubringen müſſen. Der Rufje ſich in eine ſolche Lage viel leichter, ala wir es fir mögl Bei Tage der Sonnenglut, bei Nacht der Kälte und dem 9 gejegt, auf hartem Boͤden fehlafend, auf fehlechte, wenig c Koft angewiefen, inmitten ber ihn umgebenden Unjaube Ungeziefers, der Ausdünjtungen, bleibt er ruhig und kalt geduldig und reſignirt über ſich ergehen, was zu änderr feiner Macht Tiegt.

Auch bei dem Publifum bringen die Gefangenentran weitem nicht jenen Eindrud hervor, welchen der gefühlvol europäer für unausbleiblich hält. Von Jugend auf an da Schaufpiel gewöhnt, fieht der Ruſſe in den Gefangenentt

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durchaus nichts ſchreckliches. Und num gar in Sibirien, wo bie Mehrzahl der Bevölkerung aus Verbannten und deren Nachkommen oder ſolchen befteht, die nach Ablauf ihrer Strafzeit freiwillig am Verbannungsorte blieben, wo fie ſich indeſſen eine geficherte Exiſtenz geichaffen Hatten! Dort ift man gegen das Schaufpiel, das uns gräßlich jheint, völlig abgeftumpft. Im europäifchen Rußland kann man in allen Drten, durch welche Gefangenentransporte kommen, wahrnehmen, wie das Volk fich an fie herandrängt und ihnen milde Gaben zuſteckt Geld, Lebensmittel, Kleidungsſtücke wie & einem jeden einzelnen feine Mittel erlauben. Das Bolt im euro- pãiſchen Rußland fieht eben in jebem Gefangenen nur einen Un- glüdlichen, defjen trauriges Loos zu lindern Chriftenpflicht ift. Dies ändert ſich jeboch rajch, fobald die Gefangenen den Ural überſchritten haben. Das Mitleid ift vielleicht noch vorhanden, aber es giebt ſich nur felten zu erfennen. Das Publitum, an dem dieſe traurigen Bilder vorüberziehen, betrachtet fie ziemlich theilnahmslos und na- mentlich enthält es fich mit fcheuer Worficht jeder Aeußerung über die Gefangenentransporte. Einige Geftalten in dem vergitterten , deren Aeußeres auffallend von jenem ber anderen Gefangenen abfticht, veranlaſſen und vielleicht zu der Frage, ob dies politiſche Verbrecher ſeien eine Sefeiedigenbe Antwort erhalten wir aber auf ſolche Frage höchft jelten. Achfelzudend wendet fid) der Ge- fragte von uns ab und brummt vor ſich Hin: „Arreftanten find’s!“ Arreftanten! Dies Wort muß ung genügen. Der fibirifche Rufje Spricht mit Leuten, die er nicht Fennt, nicht gern über dieſes und in feinen Augen find all’ die Leute Hinter dem Gitter

nur furzweg „Arteftanten‘. Was fie dazu gemacht, kümmert ihn nicht; das zu unterſuchen ift nicht feine Sache. Und warum follte er ſich diefer Leute wegen aufregen, die felbft ihr Schichſal ruhig ertragen! Cine dumpfe Refignation hat fi) aller bemaͤchtigt. Sie wilfen, daß es für fie feine Gnade gicht und fie haben fi in ihr Schidjal ergeben, mit der Welt, die fie verlaffen, abgeſchloſſen. Au- blicklich iſt al ihr Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet, ſoweit es das in ihren Händen gebliebene baare Geld geftattet, durch Einkauf von Lebensmitteln auf den Landungsplägen in ihre tägliche Koft Brod und Fiſchſuppe einige Äbwechſelung zu bringen. Niemand Hindert fie, über ihr Geld zu ſolchem Zwecke zu verfügen. Die Bauernfrauen, welche auf den Landungspfägen Lebensmittel al- fer Art Brod, Fiſche, Eier, Milch, Himbeeren, Nüffe, zuweilen auch gebratenes Geflügel u. j. m. den Paffagieren des Dampfers ‚sten, werben auch auf der Barke im Schlepptau zugelaffen und

en durch das Gitter mit den Gefangenen verhandeln. Iſt der ufte Gegenftand zu groß, um durch das Gitter gefteckt zu wer- übernimmt einer der draußen ftehenden Soldaten bereitwillig Beförderung in den Gefangenentaum. Der gutmüthige Soldat

‚uch der Ueberbringer manchen Bündel mit Lebensmitteln, welches ”h ein mildherziger Dampferpafjagier vielleicht einem BVefannten,

KSilder aus Wel-Sibirien.

den .er hinter dem Gitter entdedt hat, fenbet Die ange müthigleit der Ruſſen verfeugnet fich überhaupt auch uni daten nicht, welche die Gefangenen zu bewachen haben, Zeuge einer rohen Behandlung ber Iegteren geword in anbetracht ber vielen wilden Elemente unter ihnen Regiment nicht bloß gereätfertig, fondern unvermeidlich Die Tage, an denen die Barke anlegt, weil der Dan

holz einnehmen muß, werden durch das Erfcheinen der nen von Lebensmitteln zu Feittagen für die Gefangen jehen fie ftatt der einförmigen, öden Waldufer zu beider luſſes wieder eine Stadt oder ein Dorf und Menjchen fer Verkehr mit der Außenwelt ift von furzer Dauer Dampfer ertönt die Signalpfeife zum dritten Dat und { drängen die fremden Befucher zum fchleunigen Zerlaffer Ten Ganges vor dem Gefangenenraum Schreiend flüchten frauen vor den handgreiflichen Scherzen der Soldateı ſchwanlende Brett, das die Barke mit dem Ufer verbinde wird eingezogen und ſchon eine Minute ſpäter ſpan Schlepptau, das Vordertheil der Barke wendet ſich vom! dieje folgt langſam dem voranfeuchenden Dampfer. Die nun wieder eine Welt für fich, welche die Wellen des ftarfen Eifengitter von der Welt der freien Menfchen | welcher diefe Unglüdlichen vielleicht für immer ausge Immer weiter geht die Zahrt. Die Sonne verjchwindet Wipfeln der Birken und Fichten, furze Zeit färbt noch Rott) den weftlihen Himmel, dann ſenken ſich die Schatti herab auf den Wald, auf den Fluß. Kein Laut ift v hören und auch auf der Barfe ijt es ftill geworden. 9 mengebdrängt, um fich gegenfeitig warm zu halten, haben fangenen auf dem harten Boden zum Schlafe niedergele, ihr Bündel als Kopftiffen benugend, die anderen in C eines folchen das Haupt an die Bruſt des Nebenman Der Schlaf hat feine milde Hand auf fie gefenft und für einige Stunden Vergeffen ihres Elends. Nur dann verrathet noch leiſes Kettengeklirr, daß Leben auf der &

gleich einem unheimlichen Geiſterſchiff langſam über die

dahingleitet . . .

II. Sechs Zage auf dem 2b.

Nach zweitägiger Fahrt von Tobölst auf dem Irtı nähern wir uns gegen Abend der Vereinigungsitelle des Ob. Das Dorf Samarowskoje, der nächſte Halteplag de: wird in der Ferne fichtbar, aber eine Viertelitunde nad, verrinnt und das Dorf fcheint immer noch gleich weit v fernt zu fein. Soeben jahen wir c8 gerade vor uns, j zu unjerer Rechten und im nächſten Augenblid wendet fi pfer noch weiter nach links, als wollte er fich völlig von

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Ioje abwenden. Diefe auffallende Erſcheinung findet eine fehr einfache Erklärung. Wir fahren im Flußbett des Ictyich, das ſich in weitem Bogen nad) Samaͤrowskoje hinwindet, die Wajlerfläche zwifchen ung und dem Dorfe dagegen, Die uns einzuladen ſcheint, geradenwegs auf daſſelbe loszuſteuern, ift überfchwemmtes Land mit nicht genügend tiefem Fahrwaſſer, das der Dampfer vermeidet. Nun bemerken wir auch die gewaltige Veränderung, die fich ringe um uns vollzogen * Die Breite des Irtyſch Hatte ſchon in den letzten Stunden änbig zugenommen; jegt ſchwillt er mit einem Mal fo gewaltig an, dab wie mit einem Schlage zur Rechten und zur Linken die Ufer verihwinden. So weit das Auge zu _bliden vermag, ift das Flach- Iand überflutet. Vor uns liegt ein See, win Meer, aus deffen Wo— gen nur hier und da, Heinen Infeln gleich, die Wipfel der Bäume emporragen, welche das überjchwemmte Land bededen. Nur nad) einer Seite gewahren wir noch Land, einen niedrigen Hügelrüden, der wie ein Kap in das Meer hinausragt und an deffen Fuße das Dorf Samarowskoje liegt. Nachdem wir um das Kap herumgefahren find, fehen wir nur Himmel und Waffer vor uns umd fteuern quer durch das überſchwemmte Land an ber Vereinigungsftelle des Irtyſch und Ob auf das Flußbett des letztern zu. Es % als führe man in einen weiten, mit unzähligen Infetigen bededten Golf hinaus. Die legten Strahlen der jcheidenden Sonne zittern über die Waffer- fläche und übergießen mit rofigem Licht die Baumwipfel, zwiſchen denen der Dampfer ſich hindurchwindet; aber allmählich verblaßt das Licht immermehr, die Schatten der Nacht jenfen fic) hernieder auf die St, nur in dunklen Umriffen find noch die Baumwipfel er= lenndar, über welche aus dem Kamin des Dampfers ein Fenemegen dahinjprüht, und Hinter und kommt wie cin Geiſterſchiff die große Barke im Schlepptau daher, auf welcher unfer Dampfer Hunderte von Berbannten einer büftern Zukunft entgegenführt.

Die aufgehende Sonne, beleuchtet wieder ein ganz eigenartiges

'umpfes, der noch wenig erforjcht ift, folfen hier und da_große, : Ditjafen bewohnte Inſeln liegen; längs der Ufer de Ob bes

44 KSilder aus Wef-Sibirien.

grenzen ben Ljamin Sor nur Bäume und Gebüſche, ? nungen erblidt man nirgends.

Unter ſolchen Umftänden kann es nicht Wunder n ſchon nad) wenigen Stunden alles Interefje an den Uf erichöpft iſt. Ar Bord erwartet alles fehnfüchtig den plag, wo man doch wieder Menfchen jehen, wo wieder in das traurige Einerlei kommen wird. Die Halteplät am Ob bünn gefäet auf der langen Strede von Tomsf liegen nur vier und mit einer einzigen auch diefe Ortichaften, bei denen der Dampfer anlegt, LZandungsplage entfernt, daß man troß des oft zwei ' länger dauernden Aufenthalts nicht daran denken kann derung nad) der DOrtjchaft zu wagen. Außer an diel mäßigen Halteftellen legt aber der Dampfer noch tägli einer Uferftelle an, wo große Stöße Brennholz zur Verf Dampfmafchine aufgehäuft find. Dort finden ſich alabal einem nahen, vom Schiffe nicht fichtbaren Dorfe Bauer rinnen ein, die allerlei Lebensmittel zum Verkauf brir Ufer entwidelt fich raſch ein reges, buntes Marfttreib Verbedpafjagiere, die ſich ſelbſt beföftigen, aber feine räthe mit fi) führen, find ſolche improvificte Märkte v ten Wichtigkeit, da fie ihnen Gelegenheit bieten, fich wie‘ Tag mit allem Nöthigen zu verjehen. Sobald man räthe an Bord zufammenjchmelzen ſieht, blickt daher allı ſtromaufwärts und fpäht, ob nicht bald ein Holzplag und namentlich die Verdeckpaſſagiere können den Augen! dung faum erwarten. Der Abend kommt heran, die ſchwindet Hinter den Baumwipfeln und noch immer ijl Stelle nicht in Sicht. Endlich, nad) langen Stunden

rrens verkündet von ferne ein Lichtſchimmer, daß wi

olzplag nähern. Das Licht vergrößert fich immer m unterjcheiden wir, daß auf dem hohen Ufer ein mächtig gezündet ift, von welchem dichte Rauchwolfen zum dur emporfteigen, gemifcht mit einem Funkenregen, den dei Hin über die Tannenwipfel trägt. Nun unterfcheiden reits die Geftalten, die rings um das Feuer thätig find, in den grellvothen Hemden, die weißen Gewänder der zwifchen hier und da Dftjafen mit dem verwilderten ü: wuchs. Der Dampfer nähert fich dem Ufer. Comman Ien vom Bord hinüber, dunfle Geftalten Elettern dai hinab und haſchen nad) den vom Schiffe ihnen zugewor Wenige Minuten fpäter liegt der Dampfer Te tgebunb zwei lange Bretter werden über ben Bordrand geſchoben ſchwankende ſchmale Brücke hergeftellt.

Das Treiben, das ſich nun entwidelt, muß man bie lebhafteſte Schilderung vermag fein völlig zutreffen Getümmels zu liefern, deſſen Schauplag nun das U

Bilder aus WeR-Sibirien. 45

Verdeck wird. Bon allen Seiten ftürmen die Reifenden auf die unter ihrer Saft ſich biegende. und jchwanfende Brüde, denn jeder will der erjte drüben fein, um beim Einfauf nicht Ieer auszugehen. Vom Ufer her kommen aber jchon rafchen Laufes die Holzträger, welche je zwei auf langen Stangen die aufgefchichteten Holzfcheite tragen, und der gellende Barnungaruf: Beregis! (Nimm dich in acht!) ver- tündet ihr Nahen. Und da bemerfen vielleicht auch noch die Ma- trofen, daß das eine der Bretter zu dicht am Bordrand aufliegt und infolge der ſchwankenden Bewegung abzurutichen droht; raſch ent- ſchloſſen ergreifen fie den an dem Breit befeftigten Strid und reißen & zu ſich heran, unbefümmert um die darauf Befindlichen, die durch- einander taumeln und nur mit Mühe und Noth dem Sturz ins Bafjer entgehen. Mancher fucht fih in diefer Verwirrung durch einen fühnen Sprung ans Land zu retten, bringe zu kurz und fährt unter allgemeinem Hallo tief in den fumpfigen Boden hinein. Nun haben die Holzträger die Brücke erreicht, denken aber nicht daran,

ft zu machen, trogdem es auf ber Brüde von Männern und

rauen wimmelt, von denen bie einen raſch vorwärts drängen, wäh. rend die anderen ängſtlich Kehrt machen und wieder das Schiff zu erreichen fuchen. Nüdfichtslos bahnen die Träger ſich einen Weg; da geräth der Fr aufgefchichtete Holzſtoß ins Wanfen und mit Donnergepolter ftürzen die Scheite auf die Brücke nieder, die allge meine Verwirrung noch vermehrend. Eine Vauernfrau, die von der Menge an den Rand ber Brüde gedrängt wurbe, tritt fehl und ftürzt ins Waſſer. Ein gellender Hilferuf ertönt dann wird es fell. Alles ſteht ſtarr und bliet auf die dunkle Waffermaffe und ſucht mit den Augen bie Finfternig zu durchdringen, aber feine Hand rührt fich, um Hilfe zu bringen. Der Kapitän, an ben ich mich mit

r Frage wende, warum man fein Boot bemanne, zudt die Achfeln und wendet fid) ab. Der Strom ift reißend, das Waffer tief, fein Hilferuf mehr zu hören; wo foll man im Dunkel der Nacht die Ver— unglüdte ſuchen? Eine Minute fpäter wogt es wieder auf ber Brüde hinüber und herüber, alle {mb völlig durch die Einfäufe in Anſpruch genommen und erft auf der Weiterfahrt gedenkt vielleicht der eine oder ber andere, bei der Theefanne figend, der Verunglüd- ten. Wie ein Seufchwedenfmarm fällt indeffen die Menge über die zum Verkauf ausgeftellten Lebensmittel her.

Es find überall biefelben: Sie, theils frifch gefangene, theils in Brod gebadene ober getrodnete, Milch, Kwas, rohe und gefochte =, Welß⸗ und Schwarzbrod, beide von fehr geringer Güte, ala

be Seltenheit ein oder zwei gebratene Hühner, weiterhin auch obeeren und Himbeeren. Selten ift fo viel vorhanden, daß das gebot die Nachfrage überfteigt; binnen kurzem ift alles aufgefauft » e3 beginnt der Rückmarſch an Bord, wo es augenblidlic auf ı Berded recht ungemüthlich ift. Dort donnern die mächtigen (zElöge, die erſt in den Maſchinenraum und wenn diefer gefüllt auf Verdeck niedergeworfen werden. Ein ganzer Wald kommt

46 KSilder aus Weft-Sibirien.

an Bord und jedes irgendwie verfügbare Plägchen bet viefigen Holzſtößen. Zwei Stunden lang find die Soll die Bedeckung der Gefangenen-Barfe bilden, bejchäftigt, aufgefchichteten Holzvorräthe auf das Schiff zu bringen fen müſſen auch noch die Matrojen aushelfen, jo daß Dugend Menſchen in Thätigkeit ift. Dann ertönt in ſchenräumen die Signalpfeife dreimal, die noch am Ufe: Neifenden eilen jehleunigit an Bord, die Bretter werde die Seile gelöft, die Räder beginnen zu ſchaufeln und I det fi der Dampfer dom fer ab, um feine Fahrt Bald ijt das Feuer, das am Landungsplag brannte, ı dichtes Dunkel lagert wieder über dem Fluß und den nur umdeutlich unterjcheidet man noch die Umriffe dei Ufer und hinter uns die unheimliche Barke im Schlepp Auf dem Verdeck aber herricht troß ber fpäten noch reged Leben. Jene, welche Einkäufe gemacht ha voller Thätigkeit; Koffer, Tafchen und Säde werden bi um unter der Bank ein Plägchen frei zu bekommen, t rathskammer dienen fann, aber nachdem die gelauften untergebracht find, werden fie noch zehnmal Bern geh fie zu betrachten und mit dem Nachbar von ihrer Güte keit zu fprechen, bald um fie zu koſten. Die Käufer füllen die Heine Küche, welche den Verdedöreifenden fteht. Der Herd ijt mit Töpfen bededt, in denen Fila geftellt find, und jung und alt freut ſich ſchon auf bi andere figen beim Pribör (Zheegefiir) und geben fid Genuß ihrer Einkäufe hin: der Flaſche mit den friſchen und einem Berg friiher Bulfi und Pljufchki, dem I ö Gebäd. Mitternacht iſt längft vorüber, wenn endlich t dem Verdeck verftummt und die legten Reifenden ihr La So ſchwand ein Tag der Obfahrt dahin und wi Tag, jo find auch alle anderen. Die Uferlandfchaften r nicht zu feffeln, an Bord kennt einer den andern, alle gen hir dem wer und woher und wohin find erjchöpf: weile ſchwingt unbarmherzig ihr Scepter. Anfangs hat Schiffebibliothet Zerjtreuung gejucht, aber man wirt überdrüffig; manche haben beim Damenbrett oder im Kartenspiel Schug gegen die Langeweile gefunden, abe s Tage haben fih auch die Reihen der Spieler gelichtet ü die Fahrt danert, deſto Tebhafter geht es beim Buͤffe j fpricht Bouffett“) zu. Jeden Mugenblid wendet ſich neuen Bekannten an uns mit der Mufforderung: „P: motschku!“ (Trinfen Sie gefälligjt ein Gläschen!) ur dung darf nicht abgelehnt werden. Bei dem einen G es aber nicht; auf einem Bein kann man ja nicht ſte Ruſſe jagt, auch fühlen wir uns verpflichtet, num unfer wirthen. Dem erſten Gläschen folgt ein zweites umd

Bilder aus Wef-Sibirien. 47

Negel zu Ehren ber heiligen Dreieinigfeit noch ein drittes. Allmählich finden es aber die Reiſenden 5 unbequem, jeden Augen- bfid zum Buffet zu wandern. En und da bilden ſich Gruppen, welche eine mehr oder minder große Branntweinflafche erworben und ſich mit derjelben an irgend einem Tijche niebergelafjen haben. Auch Frauen fieht man der Flaſche wader zufprechen. In Rußland, wo das Lajter der Trunkfucht fo ehr um fich gegriffen hat, Dies niemandem auf. Als wir das Schiff betraten, fielen uns jofort die an den iffewänden angeffagenen ‚Serorbnungen ins Auge, welche den Reifenden ftrengftens das Mitbringen von Branntwein verbieten, aber dieſe Verordnungen bezweden durchaus nicht, ber Trunkſucht Schran- ten zu fegen, fonbern fie entipringen uur der löblichen Abficht, die Neijenden zu zwingen, ben theuern Branntwein des Buffetiers zu trinfen. Die minder Bemittelten hält dies allerdings vom vielen Branntweintrinfen ab, jedoch der Buffetier macht doch immer noch ein gutes Geſchäft. Während der langen Fahrt ergreift bald dieſen, bald jenen die Luft, wieder einmal- gründlich auszutoben, er läßt eine Keiie nach der andern fommen, bewirthet alle Welt und feine

mtweinrechnung beläuft fich fchließlich auf mehrere Rubel. Wenn der Abend kommt, kann man dann gar manden, ber tagesüber aus- gelafjen luſtig war, auf feinem Lager den nicht immer leichten Rauſch ausichlafen jehen.

So vergeht ein Tag nad) dem andern, alle glei einförmig, bis am Morgen des fünften Tages der Obfahrt (bed fiebenten feit der Abfahrt von Tobölsk) die aufgehende Sonne endlid, ein völlig verſchiedenes Bild beleuchtet. Am linken Ufer ziehen fich bes waldete Hügel Hin, Dörfer werben fichtbar, dann und wann fieht man Menſchen oder Viehherden am Ufer. Nun beginnt aber auch der Strom feicht zu werden; obwohl er immer noch eine ftattliche Breite hat, find doch die gewaltigen Waffermafjen, die er uns eine Woche lang entgegenwälzte, erjchöpft und der Dampfer muß darauf achten, im Fahrwafjer zu bleiben und nicht auf Sandbänfe zu ge raihen. Wir fahren nur noch mit halber Kraft, und unabläffig iſt die Meßſtange in Bewegung, von ber ein Matroſe die Grade ablieſt und laut dem Steuermann zuruft. In der Nacht nehmen wir Ab- schied vom Ob und fabnen in ben Tom ein, an dem das Biel un- ferer Dampferfahrt, die Gouvernementsftadt Tomsk Tiegt.

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Auſer ſtanden. 49

Es war einer jener Böfttichen Maitage, an denen man ſich nicht a enn, daß es irgend wo in der Welt verdrießliche Ges ichter giebt.

Dr Baronin Bensberg lieferte den Gegenbeweis.

Sie bejaß alles, was der großen Menge beneidenswerth fcheint; fie war umgeben von Reichthum und Luzus, ‘fie war jung, ſchön, vornehm und eine der gefeiertften Damen Wiens; fie hatte geftern bei dem Rout des Minijterd ihre Nivalinnen Buch ihre neuefte Barifer Toilette volltommen in den —S gedrängt, ſie war ‚oon einem der Erzherzöge auf das Auffallendſte ausgezeichnet worden und dennoch ſah fie heut jo verdrieglih aus, wie ein Menſch nur überhaupt ausſehen fann.

Bie langweilig das alles war dieſer galante Mebdizinalrath, feine faden reicheleien und feine überflüffige Dienftfertigfeit;

empfand einen gründlichen Widerwillen gegen dieſes ewige, Teere Süßholsgerafpel. Die vorgejchlagene Kur war ihr nicht minder wider

wirt ala der Arzt, ber fie verichrieb.

3 follte ihr diejes Neifen von einem Orte zum andern, da fie doch überall diefelben Menjchen und diefelben Phrajen vorfand! Fteilich hierzubleiben wäre noch viel fangweiliger gewefen!

Meberdied ftand das ja aud) gung außer Frage; die Badefaifon war da, folglich mußte man reifen. Aber es war unerträglich.

Die junge Frau verſchlang die erhobenen Hände Hinter dem teichen -bionden Haar und jah zornig grübelnd in die lichtgrünen Baumwipfel der Anlagen, die ein lauer Abendwind leiſe bewegte. Sie fuhr erft auf aus ihrer unerquidlichen Träumerei, als fie im Borzimmer eine tiefe Männerftimme hörte, die mit dem Diener ſprach.

Sie ließ die erhobenen Hände finken, one ihre bequeme Stellung Bi geränbern, und ihr eben noch fo erregtes Gejicht nahm den Aus-

einer ſiolzen Gleichgiltigkeit an.

Ein feharfer Beobachter würde vielleicht gefunden haben, daß der Uebergang zu raſch fam, um ganz natürlich zu fein. Der Ein» tretende war telnet, elegant und ftattlich; er hatte ſcharfgeſchnittene Ein und ein Paar fühne, bligende Augen, denen man die Gewohn-

it des Befehlens

So wie er war, konnte man wohl begreifen, daß die Damen der Laiſerſtadt für den ſchönen Gardeoffizier ſchwärmten wie die Herren für feine bezaubernde Frau. Er begrüßte feine Gattin mit ritter- tiger Höflichkeit, aber ohne jede Wärme, und fie erwiberte feinen Gruß nur durch ein kaun merkliches Neigen des reizenden Hauptes.

„Haft Du den Geheimrath getroffen“, fragte de ein leichtes ! nen Hinter ber vorgehaltenen Hand verbergend.

Ich bin ihm auf ber Treppe begegnet.“

Sie wies nachläſſig auf einen Stuhl ihr gegenüber.

„Willſt Du nicht Platz nehmen?“ .

Berzeih', Marietta, ich Habe gerade jegt wenig Zeit. Einige Häftsfachen, die durchaus erledigt werden müſſen —“

= Salon 1889. Heft I. Band I. 4

50 Auferftanden.

„Ah dann laß Di nicht abhalten.” Cie gr einem Buche, das neben ihr auf einem Fleinen Tiſchche

„Ich Fam nur, um mich zu erkundigen, ob Du Dispofitionen für den heutigen Abend getroffen Haft.“

„Sch fahre nach der Oper und dann zu den Erbö

„Dort treffe ich Dich jedenfalls gegen elf Uhr und möglich fein follte, mich früher frei zu machen —“

Sie ließ ihn nicht ausreden.

„Bewahre“, fagte fie mit kühler Abwehr, „lege Dir feinen Zwang auf. Ich hole Wally ab. Ihr Brut begleiten.“

„Und diefe günftige Gelegenheit benügen, Dir auf Set zu machen. Du haft diejen armen Prinzen Niki

erftand gebracht, Marietta. Er ift aus einem ganz pafja zum fehmachtenden Seladon geworben; ich habe ihn im er heimlich Verſe macht auf Deine goldenen Haar Nixenaugen.“

Dabei lachte er ſehr unbekümmert, aber ſeine He nicht anſteckend auf die ſchöne Frau. Sie zog vielm dunklen Brauen leicht zufammen und ihre vollen Lippe feft auf einander. Aber er fah dieje Negung des Zorn fe hatte fich gebüct und einen Eleinen Seidenpinjcher er zu einem formlojen Knäuel zufanmengeballt, auf zu ihren Füßen feinen Nachmittagſchlaf hielt.

Im Spiele mit dem Hunde ſchien fie die Anm Gatten völlig zu vergeffen.

„Es freut mid), daß der Geheimrath Dir Baden ordnet hat“, fagte diefer nach einer Heinen Paufc. „I werden uns amüfiren. Die Anwejenheit des Prinzer wird der Saiſon einen bejonderen Glanz verleihen un Apropos, Wittgenftein hat feine Bladbird zurüdgezo geld gezahlt.“

„Wirklich?“

Sie gab ſich auch nicht die Leifefte Mühe, Anthei an einer Sache, die ihren Gatten offenbar lebhaft inter überhaupt aus, als ob das Geſpräch fie ganz außerordent ja fie warf fogar einen ungeduldigen Bike nach der | Baron nicht entging, und ihm auch nicht entgehen jolli

Er folgte dem Winfe fofort, aber er wunderte ſich ein wenig über die lic wachjende Unart feiner Hüb!

Einem ftummen Einverftändniffe gemäß, Hatten ſ äußeren Rückſichten gegen einander beobadjtet; feit_ brach fie ihren Vertrag in einer herausfordernden, auffa die zu ihrer fonftigen vornehmen Ruhe durchaus nicht Imgrunde war e3 ihm freilich recht lieb, daß fic ihn jo Er hatte wirklich einige Gejchäftsbriefe zu fchreiben ı

Auferftanden. 51

hatte er ber Fifi verjprochen, fie in der neuen Operette zu bewun— dern, die heute zum erften Male gegeben wurde.

Er ging aljo und die Baronin fand kaum ge, feinen Abſchieds⸗

zu erwidern, fo ganz war fie durch das Spiel mit dem Hunde in Anjprud) genommen.

Dann, als er fort war, ſchob fie in plöglich erwachter Un- gebuld das Tierchen auf den Boden herab.

Welch' ein endlofer Nachmittag?

gei ſechs Uhr!

blieben ihr noch mehr als zwei Stunden bis zum Theater.

Sollte fie ausfahren!

Nein, dazu war's zu fpät. Bei ber heutigen Galavorjtellung waren die Majeftäten anmejend; fie mußte aljo ihrer Toilette be ſondere Sorgfalt widmen. So fchellte fie denn, und befahl der Zofe, die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. v

Dazu gehörte unter anderem, daß man die Jaloufien des An- Hleidezimmers_feit ſchloß und den Raum hell etleuchtete, obgleich draußen die Sonne no hoch am Himmel ftand.

Eine Toilette, die für den Abend berechnet war, fonnte nur bei

venlicht richtig _beurtheift werden und die Baronin geftattete fich in Diefen wichtigften Angelegenheiten ihres täglichen Lebens feine Abweichung von dem, was fie für recht und angemeffen hielt.

Während die date das prachtvolle Haar ihrer Gebieterin zu einer modernen Ballfrifur aufftecte und einen Tuff zarter Neiher- federn in der hochaufgebaufchten goldenen Fülle befelligte, ſaß die Baronin tief in Gedanken, ganz verfunfen, wie es jchien, in die Be- tracht ihres reizenden Spiegelbitbes.

„Merkwürdig!“ hörte das Mädchen fie plöglich halblaut vor ſich

en.

fette war zu wohlgeſchult, um irgend welches Staunen merfen

zu laſſen über eine Sherigaf ihrer Herrin, die ihr neu war. Ibſtgeſpräche hatte

Bas war merkwürdig?

Vielleicht die Zuftände im Haufe? Die hatte Lifette vom erften Tage ab merkwürdig gefunden.

Barum liebte der Herr Baron feine wunderſchöne Frau nicht, um die alle ihn beneibeten, und warum war ihre angebetete Ge- bieterin, die auch für den Aermſten ein freundliches Wort Hatte, fo fremd und fühl gegen den eigenen Gatten?

Ia, wahrhaftig, es war merkwürdig und zwar um fo mehr, ala Beiden zueinander paßten, als habe ber liebe Gott fie ganz reß für einander gejchaffen.

&3 hatte eine Zeit gegeben, in der Marietta Bensberg genau ſſelbe gedacht Hatte, aber das war lange her, unendlich lange; der ıgen Frau ſchien es, als läge eine ganze Ewigfeit voll Leid und täufchung zwiſchen dem Einft und Set.

Damals war fie ein glüdliches, übermüthiges, phantafievolles

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ie Gnädige bisher noch nie gehalten.

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Auferftanden.

Kind geweſen, voll glühender Begeifterung für alles Schöne und Gute; die Welt hatte vor ihr gelegen wie ein köſtliches Geheimniß, in deſſen Tiefe unergründliche Schäge von Liebe und Glüd und Herrlichkeit {hlummerten.

Dann war er in ihr Leben getreten und die Welt war ihr ſchöner geworden mit jedem Tag.

Wie ein Sturmwind war die heiße, zärtliche Liebe über fie ge- fommen und, wie fe damals meinte, auch über ihn.

Jetzt freilich lachte fie darüber, und ihr Herz ſchwoll in unfäg- licher Bitterfeit.

Aber damals damals!

Sie Hatte an ihn geglaubt, wie an Gott jelbft, und wenn er zu ihr ge gt pt: Folge mir an das andere Enbe ber Erde in ein wüſtes Land, laß die Heimat, die Deinen, allen Schmud und Reich— thum bes Lebens, fo würde fie mit ihm gegangen fein, ohne zu ögern; er war ihre —* ihre Welt, ihr Alles. „Mein Sonnen- Frapte jatte er fie oft genannt.

Und gewiß! Damals war fie ein Sonnenftrahl gewefen, hell, licht, freubefpendend, alles burchleuchtend mit der eigenen Glüdfelig- keit, biß jene Stunde fam, jene furchtbare Stunde, die allem Glüd und aller Liebe ein jähes Ende machte.

Noch jest nad Jahren ging ihr in der Erinnerung daran ein eifiger Schauer burı Glieder.

Ein, herrlicher Maitag war's geweſen, gerabe fold ein Tag wie der heutige, als Marietta allein durch eine der einfamften Alleen bes Prater fuhr.

Kaum eine Woche fehlte noch zu ihrem Hochzeitätage und daran dachte fie, während De nen Ir ben feidenen Kiffen des Wagens Tag und mit leuchtenden, glüdlichen Augen hinausblidte in die grüne Wildniß, die fie umgab.

Bald würde fie fein Weib fein.

Wie jeltfam das Hang fein Weib; fie, das kindiſche, unge ftüme Mädchen, das kaum der Schulftube entlaufen war.

Sie gab fi Mühe, würdevoll und gefest auszufehen, und = fühlte fie ſich wieder verſucht Hell aufzulachen vor lauter

ensfreude.

Aber es kam nicht dazu; eine wunderbar feierliche Stimmung überwog. Es war fo Löftlich till und fehattig Hier unter den mäd- tigen Bäumen, deren bichtes Blätterwerk ſich über ihr zu einem tunen Netze verſchlang. Wie nedifche Geifter büpften die Sonnen Funten vor dem Wagen ber; fie Schienen zu loden und zu winken unl jo Iodten auch die Vögel, die broben in ben lichtgrünen Zweiger ihre Liebeslieder fangen.

„Komm, komm.”

Marietta fand es ganz unmöglich im Wagen zu bleiben, Hinter dieſem fteifen Bedienten, der mit über der Bruft gefreuzten Armen auf dem

mr

Auſerſtanden. 53

Bode ſaß und ausfah, ala ob er Waldesgrün, fingende Vögel und hüpfende Sonnenfunten für fehr alltägliche Dinge halte.

Sie ftieg aus und wies den Diener zurüd, der ihr folgen wollte. Allein ging fie einen der Fußwege entlang.

Ihr war, ald habe ſie Flügel an den Sohlen; fie hätte mit den Vögeln um die Wette fingen und jubeln mögen.

Ein ſchmaler, von Gebüſch umbegter Fußpfad öffnete fich feits wãrts. Marietta bog in ihn ein.

Sie ſah durch das Blattwerk der Hafelftauden ihren Wagen, der drüben in einer Entfernung von kaum Hundert Schritten auf der breiten Hauptallee auf und nieder fuhr.

Benige Schritte war fie erjt gegangen, als fie Stimmen hörte eine hochliegenbe, helle Frauenſtimme und dann

geliger Gott, war es denn möglih? Träumte fie?

fie mahufinnig?

Da fan ihr Verlobter ihr entgegen nicht allein; eine junge Dame in auffallender Toilette ging an feinem Arme. Das pilante Geſicht war ihr micht fremd; fie hatte die hübjche, mehr berüchtigte ala berühmte Sängerin ſchon zuweilen von ihrer Loge aus gefehen. Einen Moment lang wollte die Kraft fie verlaffen; fte griff frampf-

ft in die Hafelftauden neben fih. Dann war die Schwäche vorüber; ie 30g mit einer fchnellen Bewegung den dichten Gacejchleier vor ihr Set und fchritt weiter, Stolz augerictet, ala fei der Mann da drüben ihr ein Fremder

Sie fah, wie er erblaßte, aber fie ſah auch, daß er ihren Blick verftand. „Stein Laut, feine Bewegung“, befahl diefer Blick, „wir lennen uns nicht. Der Weg war jehr Sehmal; Marietta mußte Dicht an den Beiden vorüber; fie hielt den geöffneten Sonnenfchirm zwiſchen ſich und die Sängerin, obwohl fein Sonnenftrahl in die grüne Däm⸗ merung des Waldpfades drang.

Hinter fich hörte fie die Begleiterin ihres Verlobten jagen:

„Mir fcheint, die geht aus zu einem Stelldichein. Warum fäufit Du fo, Stephan? Nein, es ift zu toll. Ich...“ Das übrige verflang in der Ferne. dae Marietta fine eine kurze Beile Br Sände vor

wilbp: z gepreßt, dann bog fie die elſtauden aus⸗ emander au ine ah aber volltommen ruhig zu dem Wagen

zurüd. „Nach Haufe“, befahl fie dem Diener. Sie fand viel Beſuch einm vor, jandte, indinnen, Sameraben ihres Verlobten. Man ftand und faß im Gartenfaale und auf der Rampe hinter Billa umher. Marietta mußte am Geſpräch theilnehmen, Neckereien atworten, von ihrem Socgeitsfeite reden hören und von „biejem en Stephan“, den heute der Dienft jo lange von feiner anges ‚ten Braut fernhielt. Ihr Vater trat zu ihr heran, ein alter, hefdenhaft ausſehender inn in Generalauniform, deffen Abgott fie war, weil fie in_jebem

54 ‚Auferfianden.

Dune feiner frühgeftorbenen Gattin gli. Seine hellen Falkenaugen listen noch jcharf unter den bufchigen weißen Brauen hervor; ihm entging fo leicht nichts. .

„Was giebt's Ria?“ fragte er, „Du fiehit verjtimmt aus.“

O nichts, Papa!“

Sie begriff, daß fie auf ihrer Hut fein müffe!

Er durfte nichts erfahren er um feinen Preis.

Sie faßte fich gewaltfam, denn da fam eben ihr Verlobter, jtraff, ftattlich wie immer.

Kein unbefangener Beobachter hätte eine Veränderung an ihm wahrgenommen.

Sie begrüßten ſich zurüdhaltend wie immer, wenn andere zu= gegen waren.

Er füßte ihre Hand und fie lächelte ihn an, aber es war ein ftarres, unnatürliches Lächeln und ihre Hand lag in der feinen, ſchwer und falt, wie die a enle Tptı n & vurch

Dann nach einer Weile ſchlug er ihr einen Spaziergang bu: ben Park vor, das werde ihren Kopfichmerz befjern. Sie nidte ge- während und ging an feinem Arme die Stufen hinab, die von der Rampe zum Garten führten. Droben lachte man über bie Kriegsliſt des Brautpaares, und Fred, der Jüngite des Haufes, deklamirte hinter ihnen drein: „Sir, dieſer Kopfichmerz fam Euch fehr gelegen.”

Sie hörten nichts, weber das Lachen noch Freds Spötterei.

Stumm ſchritten fie neben einander her zwiſchen den Bosketts und Blumenanlagen hindurch bis nach der Terraffe im Hintergrunde des Parkes, auf der fie jo oft auf und nieder gegangen waren, en; verfchlungen, in ſüßem Licbesgefhwäg oder ftumm im ebermape des Glüdes.

Hier z0g Marictta ihren Arm aus dem des Barons.

- „Höre mich, ehe Du mich verurtheilit“, bat er flehend.

Sie unterbrad) ihn mit einer herrijchen Bewegung, nicht? an ihr erinnerte mehr an das Liebliche, ſchüchtern gäntfige Kind, das fie noch vor wenigen Stunden gewejen war.

Wie eine beleidigte Königin ftand fie ihm gegenüber, ftolz, kalt, unbewegt, als fei das, was fie ihm zu jagen habe, nur noch eine leere Zorm, bie feine ‘Fiber in ihrem Innern mehr bewegte.

Sie war fertig mit ihm.

Das ſprach fie ihm auch in kurzen, herben Worten aus.

„Du begreift“, fagte fie, „daß zwiſchen uns alles zu Ende fein muß. Nein, nichts, bitte, fein Wort der Vertheidigung, e8 wi umſonſt. Was ich gefehen Habe, genügt mir vollfommen, um mei‘ Eniſchluß zu einem unerfdütterlihen zu machen.“

„Marietta, Gnade, verzeih” mir.“

Um ihre Lippen ging ein verächtliches Zuden.

„O bitte, feine Scene“, k te fie in einem Tone, ber beleidigen noch war als die Worte fel of, „wozu aud die Komödie, fie w zwedios. Genug, daß wir gemöthigt fein werden, fie vor and

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rm Auſerſtanden. 55

weiter zu fpielen. Denn ich will nicht, daß unfere Verlobung gelöft wird, Mein Zurüdtreten jet, wenige Tage vor der Hochzeit, wäre gleihbedeutend mit einem öffentlichen Skandale, ein Duell zwiſchen meinem Vater und Dir die unausbleibliche Folge.

Das darf nicht fein. Debbalb werbe ic) in Deinem Haufe leben und Deinen Namen tragen. in Wirklichkeit jedes Band zwi⸗— fen uns gelöft ift, braucht niemand zu ahnen. Ich denke, wir And beide u foh, um ber Welt das ufpiel einer unglüdlichen Che h e 2 Das iſt's, was ich Dir jagen wollte. Biſt Du einver- ta:

Er athmete ſchwer; vor der Eiſeskälte diefes ſchönen Weibes erftarhen ihm die Worte ber Vertheidigung auf den Xippen.

Ihre heftigften Vorwürfe, ihr mabofefter Zorn würben ihn bei weitem nicht 1 niedergefchmettert haben als diefe ftumme Ver—

achtung. sine Du einverftanden?“ fragte fie nochmals fcharf, unge duldig wie jemand, der ein läjtiges Geſchäft möglichft ſchnell er» fedigen will. h Er bejahte haſtig. Wenn fie nur ſein Weib wurde, wenn er fie nur nicht auf immer verlor. Nie hatte er fie glühender geliebt als in dieſer Stunde; fein Leben war ihm feinen Heller werth ohne fie. Und er hoffte feit auf eine Verſöhnung; er hatte ſich darauf gefaßt gemacht, daß fie i im erften Heftigiten Zorne ihr Verlöbniß werde loͤſen wollen und ! alle die Vernunftgründe, die fie fo fühl vorbrachte, hatte er gegen | ihren gefürchteten entfoluh ing Feld führen wollen, jegt, da fie troß ailem einwilligte, fein Weib zu werden, fürchtete er nichts mehr. Sie konnte ja nicht immer umerbittlich bleiben, wenn er ihr Gatte war; ed -mußte ihm gelingen, ihre Liebe wieder zu gewinnen, um die ex werben wollte als um das höchſte, koſtbarſte Kleinod feines Lebens. Er war verwöhnt von ben Frauen und, ohne eitel zu fein, doch fi, feiner Vorzüge bewußt. Sollte er hier_vergeblich werben, wo er zum erften Male im Leben von ganzer Seele liebte, vergeblich werben um ein Herz, das ihm fo ausſchließlich gen hatte. Es war undenkbar. Diefe Starrheit Mariettad war zu unnatürlich, um andauern zu Können, früher oder fpäter mußte wieder ihr eigentliches Selbft zum Din tommen; er vertraute auf ihr weiches Herz, auf ihren verfinn, der noch jo biegfam war. \ . Hatte fie fich nicht bisher ganz von ihm leiten laſſen, war nicht r ihr eigener Wille ganz aufgegangen in dem feinen? Bie follte fie ihm widerjtehen können, wenn erft ihr Leben floslich an das feine gefejfelt war. Er mußte ihr nur Zeit n, ſich zu beruhigen, ſich wiederzufinden, ehe er den Sturm auf Herz wagte. Er fah ſich enttäufcht. *

56 Auferftanden.

In diefem zarten, Findlichen Weibe wogte eine ı und ein Stolz, der durch nichts zu beugen war.

Sie vergab ihm nicht, daß fie ihn mit einer D getroffen hatte, als er auf dem Punkte ftand, fie in führen als fein Weib. Wenn fie ihm wenigftens geſte zu verteidigen. B

Er war ſchuldig, aber doch nicht fo fehr, wie fie

Aber fie wollte feine Grflärung; fie wies jeden jochen, wie feine Bitten und Liebesbetheuerungen mit achtung zurüd.

Er kämpfte ſich müde an ihrer Starrheit, ohne Geringfte zu erreichen. Wenige Monate nach ihrer Hoı Vater plöglih am Schlage.

Sie hatte ihm zärtlich geliebt, aber fie verbarg Schmerz, um dem Mitleide ihres Gatten zu entgehen. der Baron an zu glauben, daß diefe ftarre Kälte Natur feiner Frau fei, empört über die rückſichtslos be in ber fie feine Liebe zurüdwies, meinte er ſich frühe jchaft verblendet, in ihr getäufcht zu haben und jegt erfi Charakter zu erkennen. Sein Stolz erwachte an t wurden fich fremd.

Dann, eines Tages erzählte man fich Lächelnd, daß ! in den alten Ketten liege. Natürlich blieb das auch fein Geheimniß; es gab gute Freunde in Menge, di Pflicht hielten, die arme, Frau von der Untreu in Kenntniß zu ſetzen.

Aber die Baronin überhörte die verblümten Andı die zahlreichen anonymen Briefe ind Feuer und war | unbefümmert, daß niemand fi mehr die Mühe nahın, Thatſache zu benachrichtigen, die ihr offenbar jo gleich

Marietta Bensberg gehörte m ben gefeiertjtei Wiens, fie brauchte nur den Schleier ihrer dunklen heben, um alt und jung, vornehm und gering zu il jehen. Ihre fühle, anmuthige Vornehmheit übte auf al Zauber und hielt alle in den gleichen Schranfen.

Sie erregte Heftige Leidenjchaften, ohne kokett oberte die Herzen im Sturme, ohne ſich je auch nun Mühe deßhalb zu geben.

Nicht der Heinfte Makel trübte ihren Auf und i Neiderinnen mußten ſich damit begnügen, ihr nachzu feine Spur von Herz und Gemüth habe.

Daß es nicht fo war, wußten nur wenige, ihre wandten, ihre Dienjtleute, vor allem die Armen.

Am Schmerzenslager eines Franfen Kindes, eines hen, eines armen, hilfsbedürftigen Weibes war fie w herzige, liebevolle Geſchöpf von ehedem.

Aber was wußte die Geſellſchaft von ſolchen Saı

Auferflanden. 57

Die Baronin Bensberg gehörte nicht zu denen, die ihre Wohlthaten an bie große Glocke hängen.

Ihr Gatte theilte das Urtheil der Welt. Er hielt fie für hoch- müthig und herzlos und fie gab ihm feine Urfache, anders zu denfen. Im jeiner Gegenwart war fie ftet3 die fühle oberflächliche Weltdame; er wußte nicht® von ihrem Geifte- und Seelenleben und hatte längft aufgehört, danach zu forfchen. In dem Haften und Treiben des Geſellſchaftslebens blieb fein Raum für die Erinnerung.

Das Einft mit feiner Fülle von Glüd, mit jener tiefen, reinen Seligfeit, die nur bie echte Liebe giebt, war verfunfen, als hätte es nie eriftirt. Sie Iebten neben einander her, ohne fich zu bafien, ohne ſich zu Tieben, ohne fich mehr um einander zu kümmern, als eben nöthig war, um die Welt zu täufchen.

Nun war es aber der ſchönen Baronin jeltfam ergangen.

Bor einigen Tagen bei einer Spazierfahrt im Prater war ihr Bogen in jene einfame Allee eingebogen, in deren Nähe ſich damals vor zwei Jahren die Tragödie ihres Jungen Lebens abgejpielt Hatte.

Sie Hatte den Ort feitbem fchon mehrmals wiebergejehen, aber nicht —— nicht in dieſer Beleuchtung, nicht gerade zu Biefer Tages: und Jal eit.

ute Ser alles wie damals die fiptgrünen Bäume, das Bogelgezwitfcher, die goldenen Streiflichter, Die an den Stämmen niederglitten und vor dem zuge herhüpften, jogar das gelangweilte Vebientengeficht auf dem Bode fehlte nicht. Seitdem ließen ſich die Geiſter nicht bannen.

Was fie fiegreich niedergefämpft zu haben meinte in biefen zwei langen Jahren, das wachte wieder auf, die Erinnerung an ihr einftiges Glüd, der Zorn über ihre verrathene Liebe, die Trauer um ihr ver- fehltes Leben. Sie hatte fich in dieſen legten Jahren eingerebet, daß fie vollfommen zufrieden ſei, daß dieſes glänzende Schmetter- lingsdaſein ihr ‚penüge, daß. fie nichts mehr wünſche, nichts erfehne. Sept auf einmal war die Täuſchung zerftoben.

„Was ift mein Leben?“ fragte fie fi. „Ein Nichts, eine ftete Geſchäftigkeit ohne Zwed und Inhalt. Lohnt es ſich jo zu leben? Ber würbe mic, vermiffen, wenn ich ftürbe? Schade, würde es in der Geſellſchaft heihen, fie machte fo gute Figur in den Salons und im Balljaale. Mein Vater ift todt, meine Brüder zu jung und febenzftob, um lange zu trauern. Nach acht Tagen bächte fein Menfc mehr an mich, mein Gatte am wenigſten. Xielleicht wäre ° ftoh, wenn ber Tod das ihm unbequeme Band vollends Löfte.“

letzte Gedanke verfolgte fie hartnädig.

Wenn fie des Nachts fchlaflos in ihren Kiffen Tag, grübelte fie

über und wenn eine lacjende, plaudernde Menfchenmenge fie um-

‘, dachte fie unmillfürlich: „So würde auch er weiter lachen und udern, das Andenken an fein todtes Weib würde ihm nicht ein ziges Mal die Freude ftören.“

Sie Hatte Mühe, fich ‚ihrem Gatten gegenüber zu beherrichen.

58 Auferflanden.

Kalt und zurüdhaltend war fie immer gewvefen, aber nie unfreundlid) und gereizt wie jetzt. Wenn er fie verwundert anfah, wurde fie roth und zürnte fich ſelbſt

Wa3 ging mit ihr vor?

Wohin war ihre ſchwer erfämpfte Ruhe. Sie war frank, gewiß, nur förperliches Unwohlſein Eonnte dieſen Zuſtand feelifher Auf- regung erklären. Wie wäre fie fonft dazu gelommen, fich den Kopf zu zerbrechen um Dinge, die ihr doch fehr gleihgitig waren.

Ja, jehr gleichgiktig; fie wiederholte ſich das, als könne fie da- durch die Thatſache noch uuumftößlicher machen.

Schließlich Tieß fie den Geheimrath Holen.

Er beftätigte ihre eigene Anficht, e8 waren die Nerven. Nur die Ner- ven! So recht einleuchten wollte ihr das aber doch nicht, jo gern fie auch an biefe ganz natürliche Erklärung ihres ſeltſamen Zuftandes geglaubt hätte. Sie war vollfommen gejund gewefen, bis zu jener Spazier- fahrt, das ftand feft.

Noch am Abende vorher Hatte Wally Vrandenfels zu ihr ges jagt: „Wer doch Deine Nerven von Stahl hätte. Nichts ſchadei Dir. Nach zwei durchtanzten Nächten bift Du noch frifch wie eine Roſel“

Und nun jollten diefe ftählernen Nerven jo urplöglich ſchwach und frank geworben fein!

Ienes „merkwürdig‘, das Lijette fo in Staunen gefegt Hatte, war das Endrefultat ihres Gebanfenganges gewefen.

ALS die Baronin in den Wagen ftieg, der am Treppenaufgange ihrer wartete, entglitt die Schleppe des Kleides Lifettend Händen und blieb an einem ber eifernen Hafen hängen, mittels beren der Teppichläufer unter der legten Stufe befeitigt war.

Che das Mädchen fich bücken konnte, war das Unglüd ſchon geiceber. Ein Rud, ein Knirjchen des Seidenftoffes in ber foft-

ven Schleppe Elaffte ein breiter Riß.

Die Yaronin war fehr verdrießlich. Das Hatte noch eben ge fehlt, ihre fchlechte Laune zu vervollitändigen. Jetzt nochmals andere Toilette machen! Auf feinen Fall.

Es wäre auch faum Zeit dazu gemwejen. Sie fandte eine Ab- fage an Wally Brandenfels und ging, von der erjchrodenen Liſette nad) ihrem Ankleidezimmer zurüd. ® —— am trotz alles Aergers ihre Herzensgüte doch wieder zum

it .

Sie nannte die Sache einen unglücklichen Zufall und ſprach das weinende Mädchen von aller Schuld frei.

Lifette küßte dankbar ihre Hand. Ob e8 wohl auf der gan; Erde eine zweite, jo gütige Herrin gab, als die ihre!

Es dien ihr beinahe unmöglich.

Als Marietta dann in einem Schlafrod von weichem, lichtblau Cachmir mit gelöftem Haar in ihrem traufichen Boudoir auf u nieder ging, war ihr fo behaglich zu Muthe, daß fie ihren Yerr darüber vergaß.

Auferkanden. 59

Solch einen ftillen, traulichen Abend daheim hatte fie lange nicht gehabt. Wenn nur die unbequemen Gedanken nicht gewejen wären!

Aber e3 muß doch Mittel geben, fie zu verjcheuchen!

Sie Öffnete ihren Screibtiih und ſchloß ihn wieber.

Briefſchulden hatte fie in Menge, aber durchaus feine Luft, fie ‚u tilgen. J * ollte fie muſiziren? Nein fie war nicht in der Stimmung.

Oder Iefen es war das legte Hilfsmittel und zugleich das, welches ihr am meiften zufagte.

Sie ging nach dem Bihliothetzimmer, um ſich Lektüre zu holen.

Aber an der Schwelle befjelben blieb fie gögernb ftehen, am liebften wäre fie jchleunigft, wieder verſchwunden. Dazu war es leider ſchon zu ſpät. Ihr Gatie Hatte fie bereit gefehen und fam ihr entgegen.

„AH Du“, fagte er überrafcht. „Ich meinte, Du wärſt ind Theater gefahren? Kann ich Dir mit irgend etwas dienen?“ -

„Nein, nein, ich danke. Ich wollte mir ein Buch holen und hatte feine Ahnung von Deinem Hierfein, ſonſt —“ .

„Sonſt wärft Du nicht gefommen“, vollendete er, „das bedarf leiner beſonderen Verjicherung.”

Seine Augen hafteten dabei auf ihr mit einem Ausdrucke, der ihre Verlegenheit nur erhöhte.

habe Unglück gehabt“, ſagte fie erröthend, „ich zerriß mir das Kleid beim Einjteigen, mußte umfehren, und da ic) glaubte, ganz allein zu Haufe zu fein, und mein Kopf —“

Er war wieder jo ungalant, fie zu unterbrechen.

„Wozu alle diefe Entſchuldigungen“ ſagte er in einem Tone, ber koersens Fin follte, aus dem aber boch eine Teife Bitterfeit herausklang.

an follte meinen, ich fei der erfte, befte Fremde und nicht Dein Gatte, der doc wohl das Recht hat, feine eigene Frau einmal im Morgenkleide bewundern zu dürfen. Oder geftehft Du mir auch dieſes Recht nicht zu?“

„D gewiß warum nicht?“

Dabei ftrich fie mit reizender Verſchämtheit Die ſchweren Wogen ihres goldenen Haares aus Stirn zurüd und hatte feine Ahnung davon, dafs fie in dieſer Stellung, mit den emporgehobenen Armen, von denen die weiten Wermel beinahe bis zur Schulter zurüdfielen, bezaubernder al3 je ausfah. .

Ihre holde Berwirrung gab ihr im feinen Augen einen neuen, ungeahnten Reiz.

In diefen legten Jahren Hatte er fie immer nur fo süpt und itficher gefannt, fie war immer fo ganz bie vornehme blajirte me geween, die nichts aus ihrer formvollen Ruhe heraus bringt; ıte zum erjten Male jah er in ihr wicber jenes fühe, holdſelige ſchöpf, das einft fein flatterhaftes Herz gefangen genommen Hatte t erften Blid. Sie war jegt noch jchöner als einft, weit äner.

Er wußte das längſt, aber es war ihm gleichgiltig geweſen; das

Auferflanden.

näschen der hübſchen Fifi und ihre ſchwarzen Schelmenaugen ihm weit anziehender als die ftolze, jeelenlofe, ftatuenhafte it feiner-vielbewunderten Frau. Heut jah er die Statue belebt; fin war von ihren Piedeftale herabgeftiegen und hatte ſich vunderholdes Weib verwandelt. ırietta ging zu einem der Bücherſchränke. Er folgte ihr und Bewegungen ihrer jchlanfen Hände zu, die bald den einen, \ rg and aufnahmen, offenbar, ohne finden zu können, uchten. rGeſicht war ihm halb abgewandt; er ſah nur ein roſiges d bie reizende Profillinie der Wange und des Kinnes. ie jung ſie ausjah mit dem gelöften Haar, das ihr wie ein ntel weit über die Hüften herabhing, genau jo jung und wie in jener glüdlichen Zeit, an die er jo lange nicht mehr hatte, und die nun auf einmal wieder vor ihm aufftieg mit anzen beftridenden Zauber. Er verjchränfte die Arme feit r Brut, um nicht der Verfuchung zu erliegen, feine Hand je duftende Porn gleiten zu laſſen.

nnte er doch jehr genau ben eiskalten Blick der Zurückweifung, ı fie ihn für folche Kühnheit geftraft Haben würde.

in, er wollte den Kampf nicht erneuern; er wollte fich nicht ue jenen Beleidigungen ausfegen, die ihn in ber erjten Zeit ihe oft dem —A nahe gebracht hatten, ſeinem elenden ech einen Piſtolenſchuß ein Ende zu machen.

in Geſicht verfinfterte fich und feine Lippen preßten fich feſt ınder, aber er konnte nicht hindern, bob fein Herz ſtürmiſch nd daß feine Augen wie gebannt an der lieblichen Geftalt hingen. arietta hatte das Suchen aufgegeben und aus der Menge ber das erfte, beſte herausgegriffen, um nur fortzufommen. Der brannte ihr unter den Füßen. it einem flüchtigen „Entjchuldige die Störung“ wollte fie an datten vorüber.

hielt fie nicht zurüd, aber er fagte ſpöttiſch: „Warum dieſe Sile? Iſt meine Gegenwart Dir gar jo furchtbar? Du doch wohl, ehe Du mich faheft, die Abficht hier zu bleiben?“ ein, nein!“

zudte die Achſeln. erzeib', wenn ich dennoch auf meiner Meinung beharre. Ich ih nun einmal des unangenehmen Gefühls nicht enthalten, e3 bin, der Dich vertreibt."

ber, wenn ich Dir verfichere!“

Tächelte. erſichere mir lieber nichts, ſondern bleibe, das wird das beit fein, mic) vom Gegentheil zu überzeugen.“

wies auf einen Seſſel. darum follteft Du Dich nicht hier ganz bequem Deiner Lektür en können, während ich dort drüben meinen Brief vollende?

Auferftanden, 61

„Es wird doch ftören!“

„Richt im mindeften!“

Was blieb ihr übrig, als nachzugeben. Refignirt ließ fie fig in den Seffel finfen und ſchlug ihr Buch auf, in dem fie währen! der nächſten zehn Minuten fee zu lejen ſchien.

In Wirklichkeit verftand fie fein Wort von dem, was fie las, ja fie ſah überhaupt faum, was die Blätter, die fie Haftig umwandte, enthielten. Die Buchitaben hüpften und tanzten vor ihr, als feien fie (ebenbig geworden.

Dem Baron ging es nicht beffer. Er Hatte den Brief an feinen Güterdireftor ſchon zweimal neu begonnen, als auch der britte Ver— ſuch ſich als unbrauchbar erwies, jchob er. die Mappe von ſich.

Es geht erflärte er, „ich habe Heute ſchon da fünf Briefe gefchrieben, diefer ‚ee überfteigt meine Kräfte. Imgrunde iſt er ———— Es wird das Beſte ſein, daß ich morgen für ein paar Tage 3 Dietmannsdorf en um den Schaden feldft in "mt in zu nehmen.“

a, "ba zn wieder die egoiftifche Weltdame, die eine Störung ihres eigenen Behagens fürchtete.

Er war vollfommen ernüchtert.

„Sei ganz unbeforgt*, fagte er mit herbem Spott, „ruinirt bin ich nicht, As Einfchränkungen werben auch nicht nöthig jein. Nichts wird Dich hindern, in Deinem gewohnten Stile weiterzuleben.“

‚Marietta erröthete.

Be niebrig er von ihr dachte!

t deßhalb Fengte ich“, fagte fie, „ich wünfchte nur zu wiffen, ob u Ad brauchit?“

„Allerdings! Ich Habe bereits deßhalb an meinen Bankier ge- fohrieben.“

Vielleicht Marietta ftodte verlegen und fuhr dann haftig

„vielleicht geftattejt Du mir, Dir die gewünfchte Summe

uf. Di Der er Suftigeatb mir heute, daß er einen Theil

60,000 Gulden anderweitig zu placixen

ige, Bu Du —— mir einen großen Gefallen thun, wenn Du

Ib benügen mwollteft!”

Er Tefnte ehr liebenswürdig aber auch fehr entſchieden ab, ob⸗

ch ſie ſich ſogar herbeiließ, ihn zu bitten.

2 Auferftanden. |

„Ich weiß ja, daß mein Vermögen nicht für Dich eriftirt“ fagte fie zaghaft, „aber ich follte doch meinen, Daß Du in diefem bejon- deren alle eine Ausnahme machen könnteſt.“

„Es giebt feinen bejonderen Fall, ber mich veranlafjen könnte, Dein Vermögen anzutajten.“

Seine ri weckte ihren Trotz.

„Dann wirft Du wenigſtens geftatten müſſen, daß ich meinem Stolz dem Deinen entgegenfegen, fagte fie und ihre Augen bligten ihn zornig an.

„Du haft nie zugeben wollen, daß ich zu unferem koſtſpieligen Haushalte das meine beitrage. Won jet an werde ich e8 dennoch thun.“

„Das wirft Du nicht. Als mein Weib lebſt Du in meinem Haufe, nicht ich in dem Deinen.“

Er Hatte das fehr höflich gejagt, aber doch jo ernft und enereifl, daß fie nicht auf ihren Willen zu beharren wagte. Das rebellifche Blut ftieg ihr wieder ins Gefiht und um ihre Mundwinfel zudte die verhaltene Aufregung.

Und da, ihr gegenüber faß er, und beobachtete fie ſcharf; fie wußte genau, obwohl fie die Augen beharrlich auf ihr Buch ge

ielt. u fein das war zu viel.

Sie wollte ihm wenigſtens nicht länger die Genugthuung laſſen, ſich an ihrem Aerger zu Auen.

Entſchloſſen ſiand fie auf.

„Du willft Pr fort?“ fragte er, gleichfalls aufftehend.

Ich habe Liſette befohlen, den Thee in meinem Boudoir zu jerviren.“ h „Und wenn ic Dich bäte, mich zu Gafte zu laden?“

Sie verbeugte ich leicht und zuftimmend, aber fie war innerlich empört. Warum ging er nicht?

Was fiel ihm eigentlich ein?

„Es ift beinahe halb neun“, fagte fie, während er feine Briefe ufammenräumte. „Wenn ich mich nicht irre, fagteft Du mir heute

achmittag, daß Du eine Verabredung hätteft für diefe Stunde?“

Diesmal lachte er hell auf.

„Sch jehe ſchon, daß Du mich los werben willft“, fagte er be Kuftigt, „aber Heute follen Dir alle Deine Kriegsliften nichts nützen. Ih bin feft entjchloffen ® bleiben und mid in Deiner Tiebens- mürbigen Nähe von den Unannehmlicjkeiten des heutigen Tages zu erholen.“

Damit bot er ihr den Arm und jeßte durch feine Anmwejenhe im Boudoir der gnädigen Frau Lifette fo in Staunen, dap | beinahe die zweite Ungejchidlichteit des heutigen Abends begangı

ätte, indem fie das Theejervice, das fie auf das Klingeln ihrer ieterin hereinbrachte, zu Boden warf.

Etwas derartiges war während ihrer zweijährigen Dienftze hier im Haufe noch nicht dagewejen.

Auferfanden. 63

Die Gnädige mit einem Spigenhäubchen auf dem loſe aufge ftedten Haar, und da neben ihr ber Herr Baron, behaglich in feinen Seffel zurüdgelehnt, ſehr geiprächig, ſehr liebenswürdig und fo un-

jezwungen, ala fei es bie alferjelbitverjtändlichite Sache von der Kat, dab er bier feinen Thee nahm und fi) von feiner jchönen Frau bedienen lieh.

Marietta ging auf den leichten Plauderton ein, ohne doch ihre Befangenheit ganz überwinden zu können.

Sie inte auf das lebhafteſte, daß er gehen möge, obwohl fie zugeftehen mußte, daß er ein vorzüglicher Unterhalter war, und daß er ihr auch nicht die leifefte Urjache gab, ihr Zugeftändniß zu bereuen.

Aber ihre innere Unruhe ftieg, je mehr der Abend vorrüdte; fie fühlte fih aus der Bahn herausgedrängt, bie fie während diejer legten Jahre ftreng innegehalten hatte und je länger fie Das duldete, je fhwerer war dann das Einfenten. -

Wie follten fie ben falt-fremden Ton ihres gewöhnlichen Ver— lehrs wieberfinden, nachdem fie während eines ganzen Abends mit einander geplaubert hatten wie zwei gute Freunde?

—ã neue ee en ih ß ten»

uni war unmöglich zwiji ihnen; fie wußten das beide. Ein heißer Groll jtieg in ihr auf, gegen den Mann, der ihr Leben vernichtet hatte und der jegt dort, ihr gegenüber jaß und fi) die Miene gab, als habe nie irgend etwas ihr gutes Einver- nehmen gejtört. Warum blieb er noch immer?

Liſeite hatte den Theetifch längſt abgeräumt, der Vorwand feiner Anwejenheit war ihm damit genommen. Sie wurde ſchweigſam und ſah nicht mehr auf von der Arbeit, die fie in ben gärten hielt.

Das war num freilich deutlich genug. Er erhob fi.

„Berzeih! meine Unbefseibenbeit fagte er, „e& war fo traulich bei Dir hier. Ich danke Dir für den reizenden Abend.“

Er war ſchon im Gehen, als fein Blick auf den Flügel fiel, der m einen Ste ee it meh ſ y f

"Wie lange habe is i on nicht mehr fingen hören“ ſagte er. „Mache Deine Güte Al hr ®

„Richt Heute.“

heute. Thue ed, Marietta! Ich verſpreche Dir feierlichit, nicht fo bald wieder Deine Geduld zu mißbrauchen. Gewähre mir diefe legte Gunft. Willft Du?“

Er Hatte fie ſchon zum Flügel geführt.

Sie wiberjtrebte nicht länger.

IHre Hände glitten prälubirend über die Taften und dann fang

den Wanderer von Schumann. .

Sie hatte einen weichen, wundervollen Alt von herzergreifendem ange, aber ſelbſt ihr Talent hatte in dieſen letzten Jahren unter m Zwange geftanden, unter dem fie ihr ganzes Selbſt hielt. Nur ten, auf dringende Bitten ihrer Gäfte oder Gaftgeber Hatte fie

indig. Singe mir ein Lieb.“

64 Auſer ſtanden.

gefungen und dann erfuhr die Welt chen nur, daß fie eine ſchöne, wohlgejchulte Stimme bejaß, nicht mehr. Sie gab auch Hier nur die äußere Zorm und gönnte niemandem einen Einblid in ihre tiefe verfchleierte Seele. Heute nun lag es auf ihr wie ein Zauber.

Sie war unfähig, ſich u Sehereigjen wie font.

Mit der Kraft der Naturgewalt brach ihre leidenfchaftliche Seele fi Bahn; es war die Klage um ihr eigenes verlorenes Leben, die in lebenden, rührenden, hinreißenden Lauten von ihren Lippen floß. Was fie. fo lange verborgen Hatte vor der Welt, vor ihm, vor fd ſelbſt, das verrieth fie nur unbemwußt, einer Gewalt erliegend, " gegen die fie Feine Waffen mehr hatte.

Das Lied war zu Ende, mit bebenden Händen ftrich fie ſich über Stirn und Augen, umfonjt nach Faſſung ringend.

Sie ftand auf; taftete aber unficher nach einem Halt; vor ihren Augen lag es wie ein Nebel und der Boden fchwanfte unter ihr wie ein wogendes Meer.

Ihr Gatte wollte ihr zu Hilfe kommen; ſie wies ihn rauh

de.

„Nein laß mich gehe jegt ich will allein fein!“

Er gehorchte nicht.

„Sende mich nicht fort, Marietta‘, bat er in jenem bebenden Tone höchſter Leidenfchaft, mit dem er einft ihre Liebe geftohlen hatte, um fie dann zu verrathen.

Bitterfter Haß ſprühte ihm aus ihren ſchönen Augen entgegen.

„Was willit Du noch“, jtieß fie, faum ihrer Stimme mädtig, hervor, „Dich über Dein Werk freuen! Das fieht Dir ähnlich! ift Deiner würdig!” J

Er achtete nicht auf ihre Beleidigungen.

„So umgtictich bift Du geweſen alle dieſe Beit“, fagte er er⸗ ſchüttert, „und ich hielt Dich für alt und unempfindlich.”

„Ja, unglüdlich“, wiederholte fie, „elend, o über alle Mafen elendi Wie wäre es auch anders möglich?! Kann der Bagnogefangene lütlich fein, der mit dem verhaßten Genoſſen an die gleiche ent- Folie ette gefchmiedet ift? Gieb mich frei! Ich Halte Diejes Leben nicht länger aus! Ich will es nicht länger ertragen!“

„Weil Du mic) fo fehr verabfcheuft?”

„Sa, weil i ich, verabfchene!“

„Und weil Du einen andern liebjt den Prinzen?“

Er athmete fehwer; um feine Lippen zudte es wie ein innerer

„Wen? Was meinft Du?“

Sie jah ihn verftändniglos an.

AAh Niki“, fagte fie dann. „Niki Wendenftein? Nein, ich liebe im nicht nicht ihn keinen fie find mir gleichgiltig! Alles iſt mir gleichgiltig die ganze Welt und mein eigenes Leben! Ich wollte, es wäre tobt!“

Sie ſprach dumpf und tonlos; in ihrer ganzen Haltung lag

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Anferftanden. 65

eine tiefe Verzweiflung, die ihm das Herz zerriß und ihn haltlos zu ihren Füßen niederwarf.

„Marietta” jtammelte er, „giebt es fein Mittel, Dich mir zurüd- Jugeminnen? Ich verdiene Deine Gnade nicht, aber, ich flehe Dich

jennoch an, geh’ nicht von mir, ich fann Dich nicht entbehren, Du bijt mir nöthig, wie die Luft, die ich athme!“

Mit einem falten, unnatürlichen Lächeln auf den Lippen trat fie von ihm zurüd,

„Zeit wann weißt Du das?“ fragte fie herb.

Er war aufgefprungen und ftand dicht neben ihr.

„Zeit heute“, fagte er, ſich mühjam beherrfchend, „feit dieſer Stunde! Ich verdiene Deine Gnade nicht, Marietta, ich bin ein Unmwürdiger, aber wenn die tiefite, bitterjte Neue Anſpruch auf Gnade giebt, jo darf ich auf die Deine hoffen. Höre mich wenigjtens an! Wan geitattet ja dem zum Tode verdammten Verbrecher fich zu ver- theidigen. Und ich bei meiner Ehre, Marietta ic) war leicht» finnig damals, aber doch nicht der Verbrecher, den Du in mir ſaheſt.“

Früher im Beginn ihrer troftlofen Ehe Hatte fie jeden Verſuch einer Vertheidigung im Keime zu erſticken gewußt, heute fand fie den falt verächtlihen Ton nicht, dem e3 immer gelungen war, ihn in die ern zu treiben; ihr ganzes Wejen war aus feinen digen und die hellauflodernde Empörung riß fie fort gegen ihren

illen.

„Kein Verbrechen?“ rief fie ganz außer fi. „Wie? Iſt es fein Verbrechen, wenn man einem Menfchen das Vertrauen auf die heilige Stimme der Natur aus der Seele reiht, wenn man ihn vor fich jelbft entwürdigt, wenn man hi den Olauben nimmt an alles

ohe, Schöne und Gute? Du haft mid) zu dem gemad)t, was ic) in, Du Haft mir alles genommen, meine Liebe, mein Glück, meine Jugend, und jest kommſt Du und jagft: Vergiß, fei wieder mein! Durch ein paar Liebesworte glaubjt Du mich bejchwichtigen zu kön⸗ nen! Natürlich, ich bin ja ein ſchwaches Weib, das einſt tHöricht gu war, Dich zu lieben! Aber das ift vorüber für alle Ewigfeit.

ie ich Dich einft geliebt Habe, fo Haffe ich Dich jest! Spare Deine heuchlerifchen Betheuerungen! Ich fonnte mich) nicht täujchen Lafjen, jegt ift mir die Binde von den Augen geriijen, ich jehe Dich, wie Du bift Weiß ich etwa nicht, daß Du folche Worte und Blide auf ein gegebenes Stichwort immer bei der Hand haft, daß Du fie heute diefer, morgen jener ſagſt Phraſe, Ton, Blid, alles dafjelbe, nur die Adreffe eine andere! Verjuche an anderen Deine Eroberungs- t ifte, bei mir verfangen fie nicht mehr. Ich Habe nur den einen : mid, mein Leben zu löſen von Dem Deinen und wenn nod) ein

afe von Ehre in dir lebt, jo wirft Du mir diefen Wunſch er= en!“

Sie wollte hinauseilen; er vertrat ihr den Weg.

„Du bleibft*, herrſchte er ihr zu, und es war mehr noch in | em Blicke als in feinen Worten eine zwingende Gewalt, der fie

der Salon 1889. Heft I. Band 1. 5

66 Auferflanden.

wider Willen gehorchte. „Du ſollſt und mußt mich hören“, fuhr er fort, „ich fordere e8 al3 Dein Gatte und Du wirft mir gehorchen, ob Du nun willft oder nicht!“

Er Defratete fie mit einem Ausdrud in feinen Zügen, ber jelt- ſam aus Groll und Liebe gemifcht war.

„Wie zart und zerbrechlich Du da vor mir ftehft", fagte er finfter, „mit einem Drude meiner Hand könnte ih Di ten und ennod) habe ich nicht bie leiſeſte Gewalt über die fe, die in diefer Eindlichen Geftalt wohnt. Haft Du uns nod) nicht elend genug

jemacht mit Deinem unverföhnlichen Stolze? Was hätte unfer Leben

fein fönnen in diejen legten zwei Jahren und was war es?“

& „Für Did) doch wohl amifant genug“, fagte fie mit herbem poti

„So meinſt Du das? Ich dachte es ſelbſt manchmal. Jetzt weiß ich es beſſer Was ſoll Hr thun“, rief er in ausbre Verzweiflung, „wie foll ich Di überzeugen, daß ich nie ein anderes Weib geliebt habe ala Dich allein, dak Dir immer mein Herz ge- hörte, Iamals ala Doch das ift's, wovon ich mit Dir ſprechen muß, wennfchon ich kaum hoffen darf, daß e3 mir gelingen wird, duch das wenige, was ich zu meiner Vertheibigung zu jagen weil Deinen unbändigen Stolz zu befiegen?! Ich war einer der flotteften Gardeoffiziere, als i & kennen lernte, ein mauvais sujet Der ſchlimmſten Sorte. Meine Liebesaffaiven zählten nach Dugenden Strohfener, die eben fo fehnell auffladerten, als fie dann in vg qufammenfanten. Jene war zufällig die legte in der Reihe. Ich

ch mit ihr und dachte kaum 108 an ihre Eriftenz, als ein au fall mich im Prater mit ihr zufammenführte. Sie fpottete über Den jeliben Bräutigam, den keuſchen Soferh doch nicht? von dem odenlofen Leichtfinn, der mic, mein Lebensglüd gefoftet hat, ich will ai t einmal verfuchen ihn zu entjchuldigen Du weißt das ebrige!“

„a jelbft den Umſtand, daß dieſe Paſſion "s nicht ala ein Strohfeuer erwieſen hat. Damals famft Du von ihr zu mir und dann mit meinen Küffen auf den Lippen fehrteft Du zu ber Dirne zurüd! Werde ich je das Brandmal der Schande nergeffen können, mit dem Deine Lieblofungen mich befledt Haben? Pfui ül Di, daß Du e3 tun fonnteft, pfui über Dich, daß Du es wagſt, von Deiner Geliebten zu mir, ber tiefbeleidigten Gattin zu fommen und um meine Liebe zu werben!! Gieb es auf und achte einen Stolz, ber e3 nicht über fich gewinnt, mit einer Dirne rivaliſiren zu wollen.”

Er war jehr blaß geworden und jah finfter vor fich nieder.

„Du Haft recht“, fagte er. „Ich bin Deiner unwürdig; nur e Weib mit einer großen, allgewaltigen Liebe im Herzen könnte ihrı Gatten das verzeihen, was ich Dir angethan habe. Und Du liel mich nicht, Du verabfcheuft mich, Du fehnft den Tag herbei, der D. don ne befreit! Ich Habe nichts anderes verdient und denno:

enmoch ...

Auferftanden. 67

Er riß mit leidenfchaftlicher Gewalt ihre Hände an fi; er preßte fie an feine Lippen, am fein Herz, umd fie ließ es willenlos, wie betäubt, gefchehen; ihre körperliche Kraft war gebrochen, nicht aber bie ihrer ftolzen Seele. ö

Alles Leben ſchien ſich aus dem entfärbten Antlig in die Augen geflüchtet zu haben, unb was er in biejen Augen las, das veranlaßte ihn mit emem tiefen Seufzer der Entmuthigung ihre Hände aus den feinen zu laſſen.

„Es M umfonft“, fagte er, indem er mit einer verzweifelten Geberbe die geballte Hand vor die Stirn preßte. „Ohne Vertrauen feine Liebe! Und Du glaubft mir nicht, Du hältſt mich für einen Lügnet, einen Komödianten! Dan fagt, daß die Wahrheit ihre un« trügliche Stimme hat, aber Dein Ohr ift verſchloſſen, Du willit fie nicht hören. Warum Haft Du mich gewedt, warum überließeft Du mich nicht dem Leben, in das Du mich hineingeftoßen haft? Ja Du, Du Marietta! Täufche Dich nicht darüber, Du bijt meine Mit ſchuldige! Erinnere Dich, wie Du mich) von Dir wiejeft mit eifiger Verachtung, wie Du den fünftlihen Wall zwifchen ung immer Höher eufthäiemteit bis ich Deine vergötterte Schalt nicht mehr fah! Sa, id) leugne nichts, u bin zu jener anderen zurüdgegangen, deren Inftiges inhaftlofes Geplauder wie Champagnerraufch auf mich wirkte mb die mir nie etwas anderes geweſen ift als ein amiljantes Spiel- zeug. Es war eine That der Verzweiflung und des bitterften Tropes! Du follteft nicht ahnen, was ic) litt, Du follteft nichts wiſſen von der troftlofen Leere, Die Dein Verluft in meinem Leben zurücges laſſen hatte. Und wie Dich, fo wollte ich auch mich felbft belügen, darım betäubte ich mich im Strubel eines wilden Lebens, darum gab ih mir feine Zeit, zur Befinnung zu kommen. Ich meinte, daß & mir gelungen jet, die Leidenſchaft ie Did mit allen ihren Wur- zeln aus meinem Herzen zu reißen und ich frohlodte darüber. S tedete mir ein, daß Du ber Reue nicht werth jeieft, die ich um Di gelitten hatte, ich nannte Dich ein herzlojes, oberflächliches Gefchöpf, ich begrub meine Liebe unter einem Wuft von Täufchungen, Groll und Verbitterung, tief, jo tief, daß ich meinte, fie fei erftorben. Jetzt ift das Blendwerk vernichtet, und jegt ſoll ich Dich aufs neue verlieren? Nein, nein, e3 ift unmöglih! Marietta, mein Kleinod, mein heißgeliebtes Weib, fomm zu mir, verlaß mich nicht, ih fann nicht leben ohne Dich!“

Sie wehrte feine Arme ab, die fie umfchlingen wollten.

„Es ift zu ſpät“, ſagte fie tonlos. „Ich würde Dich elend

zen und felbft elend fein! Wie ein Gejpenjt würde mein Miß—

en zwifchen mir und Dir ftehen. Laß mich, laß mich, ich kann

t mehr, meine Kraft ift erichöpft!“

Sie ging, aber an der Thür blieb fie ftehen lauſchend, an

ı Sliedern bebend, und dann war fie im Nu wieder neben ihrem

ten, der wie gebrochen in einem Seſſel lag. Sein Kopf war

‚ebeugt, das Geſicht in den Händen verborgen.

br

68 Auferflanden.

„Stephan“, fagte fie leiſe und mit umficherer Stimme.

Er ſah zu ihr auf; in feinen ftolzen Augen jtanden Thränen, die erften, die er jeit feiner Kindheit geweint hatte.

„Was willſt Du noch?“ fragte er zornig. „Haft Du mid) nun genug N Biſt Du nun zufrieden? Geh, ich will Dein

itleid nicht!“

Sie fand feine Worte; nur ihre Augen fprachen, diefe ſchönen, beredten Augen, die ihn jo oft ſtolz und verächtlich fortgewiefen hatten und in denen jegt eine Welt von Liebe lag.

Noch wagte er nicht anf ein Glück zu glauben. Fragend, athem- los ſah er in ihr holdes, erglühendes Geficht, dann plöglich fprang er mit einem halberftidten Jubellaute au und zog fie ſtürmiſch an feine Bruft.

„Mein Weib, mein Weib!“ ,

In den nächſten Tagen ſprach man in Wien viel von den Ver— Iuften des Grafen Bensberg, bie ihn gezwungen hätten, alle fojt- jpieligen Sommerpläne aufzugeben und fa mit feiner fchönen Frau auf feine Güter zurüdzuziehen.

„Wie werden die Beiden ia} Iangweilen“, fagte Wally Branden- fels bedauernd, „hier haben fie ſich nicht geliebt, dort werden fie es binnen fürzefter Beit dahin bringen, fich zu hafjen. Ich prophezeie, daß fie es nicht zwei Wochen aushalten.“

Es verging aber Woche auf Woche, Monat auf Monat, ohne daß die Bensbergs in Wien oder in einem der großen Weltbä auftauchten, dägegen erfuhr man, daß der Baron feinen Abjchied ge- nommen habe, um fortan feine Güter felbft zu bewirthſchaften.

„Sch muß diefer armen Marietta einen Bejuch machen“, fagte Wally Brandenfels im September, als fie aus Trouville heimfehrte, „fie wird meinen Troft brauchen.“

Nach drei Tagen war fie wieder ba.

„Es ift unglaublich“, jagte fie ihrem Bruder.

"Was?"

„Sie find glücklich, ganz lächerlich glücklich!“

„Nicht möglich!“

„Es iſt aber jo. Am erſten Tage hat es mich gerührt, denn die Beiden find wirttic) ideale Menfchen, am zweiten habe ich ge— gähnt und am dritten bin ich davongelaufen. Da haft Du das Re— ſultat meiner Reife!”

Ian 2132754. a Se

ne neue Trauerkunde durchfliegt Deutſchlands Gaue: Pr Storm, der gelejenften, der beliebteften, der beiten Dichter der Neuzeit einer ift am 4. Juli nach- mittags 5 Uhr zu Hademarfchen verfchieden. Wie er vor noch nicht 10 Monaten feinen 70. Geburtätag feierte, ein Tag, ber da zeigte, wie fehr von nah und fern aller Herzen ihm entgegenjchlugen in Liebe und Verehrung; wie er damals, freilic ein gealterter Mann, fich großer förperlicher und geliger Nüftigkeit erfreute: wer hätte es da ahnen können, daß fein de ihm fo nahe bevorftand? Und dennoch ift ihm der Tod ein Bote des Friedens geweien, denn er rief ihn ab aus einem Leben, da3 fortan nur eine Keite endlojer Leiden ohne Hoffnung auf Ge- nefung gewejen wäre, war er doch an einem unheilbaren Leiden, dem Sragentrebs, erkrankt. So müffen denn feine Angehörigen, feine Freunde und Verehrer ſich defjen getröften, daß ein gütiges Geſchick ihn abrief, bevor er den Kelch des Leidens bis auf den Grund geleert Hatte.

Theodor Woldjen Storm ift am 14. September 1817 im ſchleswigſchen Landſtädtchen Hufum als Sohn eines Advolaten ge- boren. Hujum ift eine kleine Stadt in der Mari dem Meere nahe und in reizlofer Gegend belegen. Aber dem Dichter war fie ans Herz gewachfen, wie dem Schweizer feine Berge. Seine Novellen verherrlichen Stadt und Umgebung und ſchildern zum Theil Men- fen, wie er fie dort —* Stets war das den de3 Heimat- fernen voll Sehnfucht nach „der grauen Stadt am Meer“, und fein

‚te Glück war immer, dorthin zurüdzufehren. So lieh er fich ı schließlich an dem Beamtenpoften in feiner Heimat genügen verihmähte es, feine Fa nad) lohnenderen und einträglicheren ten auszuſtrecken, die ficher ihm fo gut als manchem anderen zur Tügung ftanden. Auf der gelehrten Schule feines Heimatftädt- 3 erwarb Theodor feine erften Kenntniffe. Won da fam er auf Brmnafinm zu Lübel. Dem Wunſche feiner Eltern und feiner

70 Theodor Storm.

eigenen Neigung gemäß, beſchloß er, die Rechte zu ftudiren und be 30g zu dem Zwede die Univerfität zu Kiel. Hier traf er mit cinem leichalterigen Kommilitonen Theodor Mommſen, dem Sohn eines Baftors aus dem Hufum benachbarten Garding zufammen, dem jehi- en berühmten Geſchichtsſchreiber und Verfaffer der „Römifchen Ge— Wancd Mit ihm und feinem zwei Jahre jüngeren Bruder Tycho Mommfen ſchloß Theodor Storm bald das Band innigfter Freund ſchaft. Neben ihren Fachſtudien fuchten die Freunde den Umgang der Mufen und gaben gemeinfam das „Liederbud dreier Freunde” heraus. Nach Beendigung feiner Studien ließ ſich Storm als Ad- vofat in feiner Vaterſiadt nieder, wohin ihm einige Jahre darauf fein eeunb Tycho Mommfen als Gymnafiallehrer folgte.

Nun kam das Jahr der Stürme, 1848, und mit ihm die Er- hebung Schleswig-Holfteind gegen Dänemark, Einem klarblickenden Nechtökundigen, wie Theodor Storm, dem dazu noch die Begeifte rung eines jungen Poeten ben Zuſen ſchwellte konnte es nicht un befannt fein, auf welcher Seite das Recht war und auf welcher Seite er im SKampfe zu ftchen habe. So -focht er in Wort und Schrift für die nationale Sache der Schleswig-Holfteiner, feſt über zeugt, daß das erwachte Deutſchland feine Norbmark zu (ie wiflen werde. Um fo jchmerzlicher traf der Schlag, da Preu ſich von der fchleswig-holfteinhen Sache zurüdzog, fein jugendlich warmes Herz. Daß fein und feiner Freunde Schidfal die Verban- nung fein werde, das wußte er. Aber cr war nicht der Mann, der voreilig die Flinte ins Korn warf. Seine Natur war nicht darnach angethan, durch Freiwilliges Meiden der Heimat jeglicher Gefahr aus dem Bege zu gehen. Dazu war auch wohl fein Heimatsgefühl zu ftarf, und er hatte ſchon damals für feine Familie zu forgen. ſelbſt in biefer ſchweren Zeit, der „Blütezeit der Schufte*, der „Reit von Salz und Brod“, wie er fie nennt, im Herbſt 1850, da bie Sache Schleswig⸗Holſteins endgiltig als eine verlorene betrachtet werden fonnte, da allenthalben die Reaktion die Srrungenfihoften des Jahres 1848 in Frage zu ftellen oder wenigſtens auf ein Mini- mum herabzudrüden fuchte, verzagte Theodor Storm nicht.

Ih zage night, es muß fih wenden, Un heiter wirb bie Welt entfteh'n, €8 Tann der echte Reim bes Lebens Nicht ohne Frucht verloren geh'n. Der Klang von Frühlingsungewittern, Bon dem wir ſchauernd find erwacht, Bon dem nod alle Wipfel raufchen, Er tommt noch einmal iiber Nacht! Und durch ben ganzen Himmel vollen Bird diefer Iegte Donnerfätag; Dann wird es wirklich Frühling werben Und hoher, heller, golbner Tag.

So fang er in diefen Tagen, und wie er an der Zukunft m verzweifelte, jo hoffte er auch für fein engeres Vaterland,

! !

Theodor Storm. 71

Schleswig-Holftein. Im Geifte ſah er den Tag, da daffelbe denn: vom däniſchen Joch befreit werben und in Deutfchland eingehen um! mit Deutſchland vereinigt werden mußte:

Kommen wird daß frifche Werbe Das aud) bei und Die Nacht befiegt, Der Tag, wo biefe deutſche Erbe

Im Sing des grofen Reiches liegt.

Die Hoffnung auf das Wiedererftehen bes alten deutfchen Reiches —* getröſtet in den ſchweren Tagen, die nun für ihn und ſeine teunde hereinbrachen, und ſein Blidk war klar genug, zu erkennen, dab ein neues deutſches Reich nur mit Preußen an der Spitze er- ftehen könne, und daß die jchleswig-holfteinifche Frage mit der deut- fen innig zufammenhänge.

Seit 1852 benugten die Dänen ihre Macht in Schleswig einzii und allein zur Unterdrüdung des Deutſchthunis und fäeten neue Erbitterung, anſtatt die jenſätze zu verſöhnen. Wer ſich in den vorhergegangenen Jahren als deutfcher Patriot hervorgethan u mochte fich nun vor ihrer Rache hüten. Auch Theodor Storm ſtand auf ihrer fchwarzen Lifte. Im Jahre 1852 ward er feines Poftens enthoben. hatte es vorausſehen fönnen und vorausgejehen, aber der Schlag traf ihn Hart, denn er zwang den Dichter, fein geliebtes Hufum zu verlafjen. Im Jahre 1853 fiedelte er nach Potsdam über, wo er eine Anftellung als Afjeffor befam. Was fein Herz bewegte, als er von ber theuren Heimat fehied, fpricht er in einem Gedicht aus, das wir im Auszuge wiederzugeben uns nicht verſagen tönnen. Es lautet folgendermaßen:

Ich aber kann bes Landes nicht, bes eignen,

In Echmerz verkummmte Klage mifverfteh'n;

Ich kann die ſtillen Gräber nicht verleugnen, Bie tief fie jept in Unkraut aud) vergeh'n.

Es firömt bie Luft; die Knaben ſteh'n und lauſchen; Bom Strand herüber dringt ein Möwenfchrei: Das ift die Flut, das ift des Meeres Rauſchen, Ihr lennt e8 wohl, wir waren oft babeil

Bon meinem Arm in biefer legten Stunde Blidt noch einmal ins weite Land hinaus

Und merkt es wohl: Es fleht auf biefem Grunde, Bo wir aud weilen, unfer Baterhaue.

Bir ſcheiden jet, bis biefer Zeit Befhwerbe Ein anbrer Tag, ein befierer, gefühnt,

Denn Raum ift auf ber heimatlichen Erbe

Zür Fremde nur und was den Fremden bient. Doch iſt's das flehenbfte von ben Gebeten,

Ihr mögt bereinfl, wenn mir e8 nicht vergönnt, Mit feftem Fuß auf biefe Scholle treten,

Bon ber ſich jegt mein heiße Auge trennt. Unb bu mein Kinb, mein jüngfles, beffen Wiege Auch noch auf biefem theuren Boden fland, Hör’ mich, denn alles andere ift Lüge:

Kein Mann gebeihet ohne Vaterland!

72 Theodor Storm.

So riß er fich los mit bfutendem Herzen, doch aber ſich deffen getröftend, daß er, oder wenn nicht er, jo doch feine Kinder dereinft qurlfehren wirden in das befreite Vaterland. Aber wie ſehr auch

ie Trennungswunde fchmerzte, ihn Hat der Schmerz nicht nieber- gebeugt. Er glich ber Eiche feiner heimischen Wälder, der Sturm mag ihre Krone umtoben, ihrer Aefte da und dort einen fniden, der Stamm wurzelt feſt im Boden und dem wüthenden Orkan. In Potsdam geftatteten ihm feine Berufsgeichäfte die ee feiner in Kiel begonnenen, in Hufum fortgejeßten dichteriichen Thä— tigfeit.

; Mehr als das „Liederbuch dreier Freunde" fanden feine Ge Dichte und Die Erftlinge feiner Novellen Anklang, ſowohl bei Kennen der Kunſt als auch beim Publikum. Yon Potsdam aus unterhielt er einen regen perfönlichen Verkehr mit Berliner Dichterkreifen, denen er feiner offenen Geradheit und feiner biederen Geſinnung halber bald ein lieber Genofje wurde. Aus diefem Kreife riß ihn ſehr bald, ſchon 1856, feine Beriepung nad) Heiligenftadt, wo er den Poften eines Kreisrichters bekleidete. Mit feinen alten und neuen freunden blieb er im regſten Briefwechfel. Seine Zeit gehörte feinen Berufs geſchäften und der Dichtkunft. Allmählich wurde die Muje für ihn auch neben der „Hohen himmlischen Göttin“ „die nährende Kuh, die ihn mit Butter verjorgte”. Nicht daß er fie jo behandelte, daß er die Literarijche Produktion handwerksmäßig betrieb. Er wäre ficher ber letzte geweſen, der fich Dazu hergegeben hätte. Aber er jah von feiner bichterifchen Thätigfeit aus den pefuniären Nugen ſich a mad) einftellen, ſah fich in weiteren und immer weiteren Kreiſen be rühmt werden und hörte, wie fein Name einen immer befferen Klang befam in der Lefewelt. Aber wie ihn das nicht bewegen Tonnte, feiner beruflichen Stellung zu entjagen, um den Mufen zu leben; wie das wohl fein Seldftvertrauen und Selbftbewußtjein hob und den Glauben an jene dichteriſche Miffion ftärkte, ihm aber nie auf Kam Ruhm eitel zu machen vermochte: $ vergaß er auch in ber

'temde, wo es ihm wohl ging, feiner geliebten ‚Beimat nicht. Wo er in feinen Novellen und Gedichten aut die Stadt mit den alters- grauen Häufern am Nordjeeftrande zu reden kommt, ſchlägt er alle mal Töne an, die feine tiefinnere Herzensſehnſucht wiederjpiegeln. Manchmal mashte es durch feine Seele ziehen, was er ausgeſprochen hat in dem Liebe:

is

Am grauen Strand, am grauen Meer Fr liegt bie, Stadt.

tebel brüdt bie Dächer ſchwer, Und durd) bie Stille brauft das Meer Eintönig durch bie Stadt.

Es rauſcht fein Wald, es ſchläagt kn Mai Kein Bogel on’ Unterlaß;

Die Banbergans mit hartem Schrei Nur fliegt in Herbflesnacht vorbei,

Am Strande weht das Gras.

Theodor Storm. 73

Doch hängt mein ganzes Herz an bir, Du graue Stadt am Meer.

Der Jugend Zauber fir und fir, Der rubet lãchelnd doch auf bir,

Du graue Stabt am Meer.

Sein fernered Leben floß ruhig dahin. Bei der Neuordnung der Verhältniſſe Schleswig-Holfteins infolge der Einverleibung der Prosin, im Preußen erhielt er den Poſten eines Amtsrichters in feiner Vaterftadt, den er bis zum Jahre 1880 beffeidet Hat. Im Befige eines ihm zufagenden Poſtens, im Kreije lieber Serunbe und feiner Familie ift jem Leben ftill und ruhig dahingefloffen. Bis vor wenigen Jahren ift er noch unausgefegt poetiſch thätig gewefen; ia floß fein bichterifcher Born etwas fpärlicher. Nachdem er im

ihre 1879 den Titel eines Amtsgerichtsraths erhalten, nöthigte ihn feine wanfende Geſundheit, im folgenden Jahre feine Entlafjung zu erbitten, die er auch erhielt. Den Abend feines Lebens gedachte er im holfteinifchen Dorfe Hademarfchen zu verleben. Das Dorf mit feiner Tieblichen Umgebung fonnte einem Naturfreunde, wie Storm immer einer gewejen iſt, wohl gefallen. Doch ermachte mit der Zeit wieder die Sehnſucht nach feiner Vaterſtadt. Noch diefen geihlin trug er ſich mit dem Gedanken, dorthin überzufiedeln, aber zoo Bat ihn am der Ausführung gehindert. Des Dichters 70. Geburtö- tag geftaltete fich im vorigen Jahre zu einem Feſt für das ganze Iterariiche und Itteraturfundige Deutſchland. Hätte er es früher wire, gewußt, fo hätte er e3 an bem Tage erfahren können, wie jehr ihn in der Nähe und Ferne liebte und verehrte. Und ficher

& feinem Herzen wohlgethan, jo viele Zeichen von Liebe, Theil-

ne und Verehrung zu empfangen. Damals erfreute er fich noch großer

erlicher und geiſtiger Friſche, wenn auch die 70 Jahre nicht ſpur⸗

n ihm vorũbergegangen waren und feine Geſundheit zu Zeiten Feine

war. Seine Frantheit, der Magenkrebs, hat feinem Leben

siden bald ein Ende gemacht. Sein Ende war janft und ruhig.

74 Cheodor Storm.

Ueber Theodor Storm ald Dichter ift es eigentlich überftäfig etwas zu jagen. Seine Werke find durch gung Deut| land un über Deutfchland hinaus geleſen und_ beliebt. war fein Bahn⸗ brecher, der den Dichtern fünftiger Tage neue Bahnen wies. Er hat feine Werke von epochemachender Bedeutung hinterlaffen. Es war fein weiter Horizont, den fen Blick umfahte, feine Schöpfungen find fein Spiegelbild der großen Welt mit ihrem Kämpfen und Ringen. Nur die Novelle und die Lyrik hat er angebaut. Er war eben ein Mann, der die ihm gefegten Grenzen ſah und feinen Ver— fuch machte, fie zu überfteigen, Verſuche, Die jo mander andere machen zu müſſen glaubt und dabei zu Falle fommt. C find bie alten und doch ewig neuen Gedichten vom Scheiden und Meiden, vom Suchen und Finden und Verlieren auf ewig, vom Menfchen- herzen, dem troßigen und verzagten Ding, das niemand zu ergrün- den vermag. Dazu lebt des Dichters eigenjte Empfindung, die Sehnſucht nad) dem Gewefenen, nad) Heimatsglüd und Heimatzfrie- den in ihnen. Im Lied und Novelle darf Storm fich fühnlich neben den Beſten unferer Dichter ftellen. Der von ihm beherrfchte, eny umbegte Kreis wurde von jeiner Hand mit zarten Gebilden bevöl- fert. Ein auf das Kleine, Verborgene zu achten, in die ver— borgenften ‘alten des Herzens zu fchauen, geht Durch feine Dich- tungen. Die unfcheinbaren Blüten, deren der Vorübergehende nicht acıtet, die des Wanderer Fuß zertritt, fammelt er zum reizenben, duftigen Strauß. Er fieht die erwachende Liebe und achtet auf ihr gerannadfen, ehe noch die Helden der Dichtung an etwas denken.

fieht den Schmerz nicht nur in den Linien des Antliges, er fieht e3 der zarten Frauenhand an, daß fie in jchlummerlofer Nacht auf einem franfen ‚Herzen ruht, auch wenn das Auge nicht ſprechen will oder darf. Und diefes Achten auf das Stleine und feine, auf bas Geheime und Verborgene tft die Größe unferes Dichters. Da aller- dings fünnen noch denerationen von ihm lernen. Und wer mit menigen zarten Strichen ein ftimmungsvolles Naturbild will zeich- nen lernen, wer wifjen will, wie Naturgemälde und Menfcenf ickſal ſammn eulungen müſſen, um einen in der Seele nachzitternden Klang u erzeugen, kann auch von Theodor Storm lernen und wird's nicht

uen, bei ihm in die Schule gegangen zu fein. Und noch eins predigt fein Vorbild dem jüngeren Dichter. Mand) einer meint, um berühmt Ei werden make man große Thaten thun, auch auf literari- ſcheni Gebiet, etwas daritellen, was zuvor noch feiner dargeftellt hat, wenigftend im Drama und hiftoriihen Roman etwas leilten, fonit tönne vom Verühmtwerben feine Rede fein oder man würde, | traurigeres Loos, feinen Ruhm überleben. THeodor Storm hat n' mals große Thaten auf dem Gebiete der Literatur gethan, feiı Werke find alle in dünnen Bänden erſchienen. Er hat feine neu Wege eingeſchlagen; was er bejang, ift von hunderten früher b jungen worden; was er barjtellte, Ri von anderen fchon dr da äuftellen verſucht worden; jelbit feine Cigenthümlichfeiten Haben

Theodor Storm. 75

mehr oder minder großem Mae andere vor ihm. befefien und dennoch ift er berühmt geworben, dennoch hat er feinen Ruhm nicht überlebt, jondern hat ihn Jahr für Jahr wachſen jehen. Das macht, er hat mit dem ihm anvertrauten Pfunde zu wuchern, das, was ihm geben war, auszunugen verftanden, und das macht den Mann zu , was er ijt und bahnt ihm den Weg zum Tempel des Ruhmes. Menſchlich betrachtet ift Theodor Storms Leben ein glüdliches gewefen. as feiner Jugend Wunſch war, fein Vaterland in den deutichen Reichsberband eingegliedert zu ſehen; was ber aus ber Heimat Verbannte erfehnte, dereinit in feine Heimat zurüdfehren zu dürfen; was der angehende Dichter erftrebte, daß fein Name genannt werden würde unter den Namen der Beiten feines Volkes; was der forgende und Tiebende Familienvater ſich wünſchte, feine Lieben in gejicherten Lebensverhältniſſen zu fehen: ein gütiges Geſchick hat es ihm gewährt; man darf wohl [m en, es hat ihm mehr gewährt, als er in feiner Beſcheidenheit zu hoffen wagte. Sein Name wird fort- leben, fo Iange der Funke edler Poeſie nicht von den Wellen des Materialismus ausgelöjcht wird, wird fortleben in feinen Werfen.

——

Die Berliner Kunftausftellung. Bon Robert Mielke,

n ein fpäterer Kufturhiftorifer es unternehmen wollte

‚ie Jahrzehnte unferes Jahrhunderts nad) ihren charak⸗

eriſtiſchen Erfcheinungen zu bezeichnen, dann müßte

r das gegenwärtige, das Jahrzehnt der Ansftellungen

ıennen; nicht bloß folgt eine der andern mit einer

deberhaftung, die nur ſchädigt, fondern wir finden auch andere zu derſeiben Zeit, mit denjelben Zielen, denfelben Er— folgen, was wiederum eine Berfplitterung ber Kräfte berbeitührt, und die idealen Ziele immer mehr aus den Augen verliert. Cs wird dadurch die Mittelmäßigfeit in einer Weife Begünftigt, die fich bitter rächen wird, beſonders auf dem Gebiete der bildenden Kunft. Wer no) daran zweifelt, der gehe nad Berlin, dort fann er fich durch den Augenſchein von dem Gefagten überzeugen.

Waren ſchon vorher Stimmen laut geworden, die einen geringen Erfolg ſich von der diesjährigen Ausſtellung verſprachen, jo hat die Eröffnung am 15. Juli dieſen nur allzujchr Recht gegeben. Kein einziges Werk ragt befonders hervor, wie im vorigen Jahre z. B. Die Thumannſchen Parzen, die Charitas von Knaus oder die Porträts von Herfomer und Guſſow auf der Jubiläumsausftellung. Selbit Meifter, die wir ſtets als Zierden der Berliner Ausstellung begrüßen, ſind außgeblieben oder ſehr ſchwach vertreten; unter anderen vermifjen wir Lenbach, Kaulbach, Angely, Gabriel Mar, ſelbſt Anton von Berner u. ſ. w., was bei den gleichzeitigen Ausſtellungen in

hen und Wien leider nur zu ertärtih ift. Unbedingt ift die

hier mit weit mehr Glüd vertreten als wie ihre Schweiterfunft. ne Betrachtung der erwähnenswertheften Werke wird das eben

„prochene Urtheil beftätigen. Das höchſte Ziel der bildenden

ſt war und iſt jtet3 der Menfch mit feiner Größe und Schwach-

Die Thaten der Vergangenheit, das Wirken ber Gegenwart, te Ideen und Vorftellungen werben in den meijten Fällen

78 Bie Serliner Aunftausftellung.

nur durch Darftellung der menschlichen Figur wiederzugeben fein, und in der Pflege, welche dieſe in der Kunjt findet, wird fich dann auch der Höhepunft einer Kunft wiederfpiegeln. Auf der diesjährigen Auzftellung ift fie, wenn man von der Menge mehr oder min!

guter Porträts abfieht, jehr vernachläſſigt. Eigentliche Hiftorienbilder ſind nur wenig ausgeftellt. Im Vordergrunde des Intereſſes fteht Arthur Kampfs „Nacht vom 13. zum 14. März im Dom zu Berlin". Wir ſehen den greifen todten Kaifer auf dem Paradebett, im Hintergrund die ſchwarz verhüllten Säulen des Domes. Das Ganze iſt höchſt virtuos in einem ftumpfen, ſchweren Farbenton gehalten, der das wachsbleiche Antlig des Todten, vom Scheine der Kerzen beftrahlt, nur um fo wirkungsvolle zur Darftellung bringt. Volle Unerfen- nung verdient die davorftehende Gruppe der Befchauer. Alle Stände find hier vertreten, um den ehrwürdigen Todten zum legten Male zu betrachten. Stille Einfalt, Verehrung, Bewunderung und Neugier!

find mit einer padenden Realität Bargeftett die von dem ernften Studium ihres Schöpfers ein rühmendes Zeugniß ablegen. Ernſt Hildebrandt ift mit feinen beiden Bildern aus Luther Leben gut vertreten, wenigftens fünnen wir das eine, Luther als Chorknabe als jelungen bezeichnen. Schon das Motiv für ich ift anſprechend und Fir und Deutſche verftändnißvoller, als jene wiberliche Tulfia, die derfelbe Künftler uns vor einem Jahre vorfegte. Bon einer Schaar gleichaltriger_Genofjen umgeben, ijt der junge Luther dargeftellt, wie er in den Straßen ala Kurrendeſchüler fing. Vor dieſer Gruppe fteht eine junge Mutter mit ihrem Eleinen Töchterchen, während ber Sohn fie) gteisjem bittend an die Mutter fehmiegt umd fie fo ver- anlaft, der Schaar ein Almofen zu reichen. Glücklich iſt diefe Gruppe erfunden und mit eilterfegnft dargeftellt. Jedenfalls für ein Öymnafium beftimmt, hat der Künstler darauf verzichtet durch ein vaffinirtes Können zu glänzen, und hat in breitem Bon den Bildern eine energijche Wirkung verliehen, die von dem bisfreten Zarbenton auf das Glücklichſte unterftügt wird. Won bemfelben Meijter wollen wir gleich noch einen Entwurf zu einem Thenter- vorhang erwähnen und das Bildniß einer Dame, welches zu dem beiten der Ausstellung gerechnet werben muß. Für durchaus ver- fehlt müffen wir ein Bild, „Zrau Hadwig“ von Ernft Hausmann bezeichnen. Dafjelbe ftellt die Herzogin bei der Tafel vor, ihr zur Seite figt der junge Eckehard, und das Gefolge vervollftändigt die Runde. Die Fülle des arhäologifchen Details kann uns nicht fiber die Hohlheit dargeftellten Gegenftandes Binmegeäfehen. Auch iſt der Künftler in Vertheilung der Farben und Maffen nicht fe

llücklich geweſen, wodurch das Bild etwas Unruhiges enthält Er

‚hiedene Begabung verräth Alberto Geßner mit jeiner Herodias, t

leider an ſehr ungünftiger Stelle hängt. So muß das furienhaf

Weib auögefehen haben, als fie Vefehl zur Enthauptung des I

gab. Die Grauſamkeit und Rachſucht iſt durch das unheimli

ſunkelnde Auge gut wiedergegeben. Nur eins fehlt biefer Herodic

| |

mo

Bie Serliner Kunftausfellung. 79

und das ift das Särigtice, das wir auf alle Fälle bei ihr voraus: fegen müfjen. Karl Beder fteht mit jeiner Thisbe und „Sci ver- Kniegen“ auch nicht auf der Höhe feines Koͤnnens. Das junge

ädchen, welches er mit einer Kanne an einer Quelle Taufienb darſtellt, kann ebenjo gut eine beliebige Griechin fein, Die auf ihren Schatz wartet. Hier iſt feine Hindeutung auf das frasiſche Geſchick, das die Unglückliche und ihren Pyramus ereilen foll. Das eigent⸗ lie Gebiet des Meiſters iſt das vergangene Venedig, welchem er auch den Stoff zu feinem andern Bilde „Sei verſchwiegen“ verdantt. Ein Edelfräulein flüftert einem Pagen, der die Portiere zurüdjchlägt und ihr fo den Weg zu einem jedenfalls verbotenen Stelldichein frei macht, diefe Warnung zu. Becker hat uns daran gewöhnt, an ihn die höchſten Forderungen zu ftellen; umfomehr überrafht das Be— deutungsloſe des Vorgangs. In ber Klarheit der Farbe und ber Friſche der Kompofition ift der Meifter fich treu geblieben. Als en bizarre Kompofitionen find die von dem in Paris lebenden

;panier Atalayo auögeftellten Illuftrationen zum achten Kapitel des Don Duichote zu erwähnen. Was den Maler veranlaft hat, die Mühlen im Thale fich zu denken, ift uns unerfindlich.

Bon dem jüngft veritorbenen Adam befindet ſich auf der Aus- ftelung ein „Angriff bei Mars la Tour“. Wenn auch unvolfendet, fo bezeugt es doch, daß fein Schöpfer bis ins hohe Alter derſelbe Meifter geblieben tft. Ungetheilte Bewunderung erregen in dem militäriſchen Berlin bie „erfprengten Küraffiere bei Sedan“ von

Koch und de3 Düffeldorfer Rocholl „Angriff der 7. Küraffiere bei Vionville“. Erſteres zeigt neben voller öriihe der Farbe ein hochdramatiſches Leben. Koch ift Realiſt, doch wirkt fein Realismus burchaus nicht abſtoßend, da er durch feines künſtleriſches Empfinden gi jet wird. Noch mehr ift dies bei Rocholl der Fall, der noch

die Einheit der Kompofition die Bedeutung des Moments auf das Söäte fteigert. Louis Kolitz malt mit Vorliebe Nachtfcenen aus großen Kriege. Sein „Kronprinz Friedrich Wilhelm bei BVörth“ reiht ſich feinen legten Werfen würdig an.

Von den Heiligenbildern Tann nur das von Anton Dietric) Anſpruch auf Bedeutung machen. „Kommet her zu mir alle, die ihr mübjelig und belaben feid, ich will euch erquiden“ Seicht fein Chriſtus, der leider nicht dieſes ſchöne Wort repräfentirt. Bei allen Vorzügen iſt berjelbe zu einfeitig aufgefaßt; die I Bedeutung tritt bier ganz zurüd, und fo wird er zum palfiven, energielofen Träger einer Idee. Diefer Chriftus ift weder der geſchichtliche noch der

itionelle, daher wirkt er fremd auf und. Gelungen find die Per—

n, die Troſt und Grauiung fuchen; einzelne, ein junges Weib

weinen Füßen und ein alter Mann im Hintergrund, ragen jogar

5 überrafchende Charakteriftit hervor, wie wir fie bei Uhde zu

a gewohnt find. Anzuerkennen ift das Beſtreben das Traditionelle

vermeiden umd wirkliche Denioen darzuftellen. Trotz dieſer

nächen dürfen wir nad) dem Geleiſteten zu größeren Erwartun—

80 Bie Serliner Kunftausfellung.

gen berehtigt fein. Paul Händfer mit feinem „Eece homo“ bewegt ſich vollftändig in Pfannſchmidtſcher Richtung. Das „Tijchgeber” von Karl Jakoby erinnert an Uhdes „Komm Herr Jeſu, jei unſer Saft“. Rudolf Poffin hat ein „Märtyrer“ betiteltes Bild ausge jtellt, das mit einem folhen nur den Namen gemein hat. Abgejehen von ber unwahrjcheinlichen Haltung wirkt die Fi ur faſt humoriſtiſch. Wohin die impreſſioniſtiſche Richtung unter Umſtänden führen kann, eigt und Hermann Prells „Ruhe auf der Flucht“. Das Bild ftellt * Ehepaar Maria und Joſeph dar, wie es unter einem Baume Raſt Hält. Vollftändig wie aus dem Leben gegriffen, auch in der Nahahmung bes Jemntiogn Kleides, fünnte man die Figuren für ſich allein gelten lafſen. Was mag fi) aber der Maler dabei ge dacht haben, als er davor einen mufizirenden Engel malte, der voll- ftändig den Eindrud des virtuos fopirten Modells macht. Soll es originell fein? Nicht allein, daß die Farbe abſtoßend wirft und ber Körper des halbnadten Engels in feiner plumpen Natürlichkeit auch nicht den geringften Anſpruch auf Schönheit machen kann, fondern der Realismus wird durch die angebrachten häßlichen Flügel wieder eftört. Diefer Engel ift ein Zwitterding zwiſchen Naturleben und dealweſen und wirkt auf dieſe Weife geradezu abftogend. Mit mehr Glück Hat William Shade daffelde Motiv geſtellt, nur ift fein Joſeph nicht befonders gelungen.

Hermann Clement hat ein „IUufion“ betiteltes Bild ausgeftellt, dem man Originalität nicht abfprechen kann. Er denkt fich diejelbe als ein nadtes Weib, das auf einer Seifenblaje figt. Seltſam und fremdartig wirft das Kolorit, das theilweife hart ift. „Der Tod und dag Mädchen“ nennt Max Ebersberger jein vorzüglich gemaltes Bild. Wir fehen ein blühendes junges Mädchen, dem noch bes Lebens ungetrübte Sonne lacht und dem jegt plöglich der Tod in der Geftalt einer alten Frau naht. Hilflos Hieht ie Is derſelben ver- fallen, hier giebt es fein Entrinnen. Die furchibare Erkenntniß, fo früh in voller Jugendſchöne das Leben verlaſſen zu müſſen, das hoffnungsloſe Entjegen fpiegelt fich in dem Tieblichen Geficht, in dem ebrochenen Auge wieber, was der Künftler mit einer erfchütternden

ahrheit auf die Leinwand gezaubert hat. Das Troftlofe dieſer Scene wird durch nichts gemildert, die herbe Miene der alten Frau deutet weder Erlöfung noch Hoffnung an, fie ift nur das umerbitt- liche Naturgefeg und darin Tiegt auch der Fehler des Bildes Es fehlt der Kompofition das Verjühnende. Der Beſchauer verläßt daS Bild mit dem Gefühle des Bedauerns für das jurige Mädchen, das er hoffnungslos verloren ficht. Neu und eigenartig tft die Auffaffı des Todes als alte Frau, die unferes Titten zuerft bei Thumar, Atropos in den „Barzen“ auftritt. Dieſes Bild fcheint den Ma überhaupt beeinflußt zu haben, denn aud) im Kolorit zeigt fich e gewälfe Uebereinftimmung. Trotzdem bleibt das Bild eine bebeuter eiitung. Sofeph Lied hat feine Leiftung mit dem „Mofelblünche auf ber Jubiläumsausftellung nicht wieder erreicht, weber im leh

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Jahre mit feinem „Bor dem Tanz“ noch heute mit dem „Träume“ genannten Bild auf der diesjährigen Ausitellung. In einem violett- grauen Atfastifjen ruht das Hanpt eines jungen Mädchens, deffen dunfler Teint durchaus T mit der Kiſſenfarbe harmoniren will. Eigenthümlic und ftörend find die hellen Lichter, die das Tageslicht auf dem Atlas hervorbringt. Das ganze wirft unruhig und zerriffen. Barum Cäfar Philipp den „Pommer“ nur als nadtes, mäßig gemaltes Weib, das in ein Bad fteigt, ſich vorftellen Tann, ift nicht zu erfehen. Maz Biegra’s, „Frühling, Sommer, Herbit und Winter it ein Anafronismus. Ueberaus fteif in der Kompofition, befriedigt er auch in feiner Weife mit dem Kolorit.

Die Genremaler und Landfchafter ftellen auf der diesjährigen Ausſtellung das größte Kontingent. Bei den erfteren frägt man Ha oft vergeblich, warum ber Maler den dargeftellten Gegenstand gemalt hat. ade die plein-air-Daler haben eine Virtuofität darin, das Ab- foßendfte und Unwefentlichfte zu malen. Hatte früher die deutfche Genremalerei eine bedeutende Sir erreicht, fo ift das jegt Dank dem unheilvollen Einfluß der Kealiften anders. Wirkliches Empfin- den und poetifches Verflären eines einfachen Vorganges findet fich in ausnahmäweife, dafür aber Plattheit und Nohheit um fo

er.

in Künſtler, der fich jelbit treu geblieben, ift Amberg. Unter feinen diesjährigen Werfen ift befonders das, „Die Eleinen Gratu- lanten“ genannte, bemerkenswerth. Unfprechend ift auch Martha Aronfon-Danzig mit „Die legten Blumen‘. Ein Heines Mädchen ingt einem jüngft Verftorbenen ein paar Blumen nach dem Grabe. ſeſſor Biermann, der beliebte Homätitt bringt ein „Songe ’amour“ getauftes Bild zur Austellung Die Schöne, die wir auf demfelben Feen, träumt jedenfalls etwas Pilantes, während ein Amor Ur Die Dede fortnimmt und fo ihren prachtvollen Körper entblößt. iel Vertheidiger wird das Motiv nicht finden.

Blunds „Tafs Bauer“ erregt nur durch das Porträt Menzels, der an einem Tifche fit, Auffehen. Gut in Charakteriftit und Farbe ift der „Raucher“ von dem Bolognefer Bortignone. Der „Arzt“ von Hans Bachmann läßt auf bedeutendes Können ſchließen. Cs ſtellt einen Sandarzt vor, der im Begriff ift, feinen Wagen zu befteigen und eben dem armen Weibe, dem er eine entjegliche Wahrheit gejagt hat, das hohle Bedauern eines Menſchen ausdrüdt, den bie Sache eigentlich nichts angeht. Beſonders iſt bie Frau gelungen. Schmerz oh Verzweiflung lagert auf ihrem Geficht, während ein zweites

m, vermuthlich die Tochter, an der Thüre lehnt und die thränen-

Augen in der Schürze verbirgt. Mit feinem Gefühl hat der

a ben Schmerz der Jugend und bes Alter angedeutet. Ein

er Bintertag lagert über dem Ganzen und harmonirt glüdlich

dem dargeftellten Motiv. Aus der guten alten Zeit hat

&-2ajos aus London feinen Gegenjtand Bergehoft. „Der Herr

'meifter“, ein Beitgenoffe Ludwigs XIV., figt Hinter feinem Fenfter

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und jchneibet fi in größter Gemüthgruhe feine Gänfefeder, während eine tar Landleute auf Erledigung ihrer Angelegenheit wartet, dabei alle Stadien des Grolls, der Ungeduld, der Entrüftung über den im Bewußtſein feiner Autorität dafigenden Pojtmeifter auf ihren Gefichtern zeigend. In der Schärfe der Charafterijtit und dem ge- funden Humor erinnert Brud-Lajos bisweilen an den verjtorbenen Hafenclever.

Ian von Chelminsfi wirkt in feinem Vortrage troden. Seinem „Nachmittag im Super iſt alles Leben fern; die Figuren jehen aus, wie für ein Modejournal gearbeitet. Am beften iſt noch „Ber- lorene Fährte”. Anziehend und tüchtig ift wie gewöhnlich Hans Dahl. „Bor der Wahl“ fteht eine dralle Bauerndirne, die zu ent- fcheiden hat, ob ber alte Bauer fie über den See fahren foll oder jener kraftſtrotzende Jüngling. Wir wiffen im voraus, für wen fie fich entjcheiden wird, wiſſen aber auch, daß der Alte fich lachend dieſe

urüditellung gefallen laſſen wird. Ebenſo muthet „Im norwegifchen ochgebirge“ an, eine landſchaftliche Scenerie, die durch eine hübſche jäuerin mit Harfe belebt wird. Chrentraut, der Maler fibeler Landsknechte, zeigt in „Der legte Wurf“, daß er noch immer der alte iſt. Dargeftellt ift eine Schaar Landsknechte, die dem Würfelfpiel ergeben ift. Sonderbar ift Louis Eyfens „Narr mit dem Todtenopf“. an wird nicht ar, warum der Mann ein Narr fein fol. Das verzerrte Geficht, welches ohne jede Beziehung zu dem Schädel fteht, berechtigt diefe Bezeichnung auch nicht. May Fleiſcher ftellt ſich mit der Inhalation in Reichenhall“ felbft ein Armuthszeugniß aus. Wer jo etwas abgejchmadtes und häßliches malen kann, Tann nicht befondere Erwartungen wachrufen. Nach dem Orient ruft und Wil- heim -Genz mit feinem „Prediger in der Wüſte“ und zeigt Damit ugleich, daß das Hohe Alter feine Schaffensfraft noch nicht vermin- dest hat. Erwähnung verdient noch Berthold Genzmer mit dem Bild „Aus der guten alten Zeit und Friedrich) Hiddemann mit „Großvaters Porträt”. Hirt du Frönes ſtellt in dem „Ländlichen Feſte“ eine Rokokoſcene dar, ohne uns jedoch irgend wie dafür zu erwärmen. Das Afademijch-Steife feiner Modelle Hat er aus dem Bilde nicht bannen fünnen. Seine Menjchen find nicht echt, der Tanz ohne Bewegung. In Zeichnung, gerken ebung und Motiv * gefällt „Wafchtag“ von Karl Hochhaus. In diefer maßvollen Ver⸗ wendung kann man mit der plein-air-Malerei fich einverftanden er= klären, in feiner Weife aber mit Holgbechers „Ach erhöre mich”, das man nur als Farbenfonglomerat bezeichnen fann. Oito Kirbera fefjelt beſonders durch das Bild „Sorgenvoll“. Wie immer entnin er fein Motiv dem nordiſchen Fiicherleben. Im Innern des Ha fit eine junge Fiſcherfrau, die die bange Sorge um einen auf d ' See befindlichen Lieben nicht bannen fan. In dem Vorflur, . : vollfommen fichtbar, eine Gruppe Fifcher, die durch ihr lärmer : Gebahren im vollften Gegenjag zu der unglüdlichen Frau fteht. der Kompofition muß man Kirberg uneingeſchränkies Lob zollen,

G Die Serliner Kunfausfellung. 8

in der Schärfe der Charakteriftit reicht er nicht an Rudolf Iordan. Das liegt vielleicht an feiner Malweife, die in ihrer Eleganz und Glätte mit dem bargeftellten urwüchligen Wolfe nicht harmoniren will. Friedrich Kraus hat eine „Gefangprobe“ Bargejte, Die junge Sängerin fingt vor der Matinde noch einmal zur Selbitprobe. Heber das ngragiöhe in der Figur läßt ſich noch Dinmegfeben, nicht aber über den auffallend großen und weit geöffneten Mund. Ein ge- öffneter Mund wird meijtens etwas unäſthetiſches am fich haben, wenn daſſelbe aber übertrieben wird, dann wird der Eindrud des Sühtigen hervorgerufen. Alle Haffiichen Beiſpiele bejtätigen dieſes. bei Rafaeis Cäcilia zeigen die fingenben Engel den weitge- öffneten Mund, noch fehen wir ihn auf Michel-Angelos Karton der badenden Soldaten. Wie ſchön ijt die Munditellung bei Laokoon! Bei Kraus wirft der Mund geradezu parodijtiih. Vinc. St. Lerche be- hauptet mit feinem „Zwerg des Königs“ feinen Platz als tüchtiger Genremaler. Eine charakteriſtiſche Erffeinung der heutigen Kunft ift die Leinwandverfhwendung. Bei aller Bravour, die Heinrich Leſſing in dem Bilde „Am Krankenbett“ entwidelt, Tann er uns nicht Überzeugen, daß der Vorgang in folcher Größe dargeftellt hat werden müfjen. In Mar Liebermanns „Konſervenmacherinnen“ glauben wir einen bedeutenden Fortſchritt fonjtatiren zu können, in= ‚ex der Ausführung mehr Sorgfalt hat angebeißen, laſſen, ala bei feinen früheren Werfen. Was an diejer Reihe alter Frauen eigentlich maleriſch und intereffant ift, um Vorwurf für ein Gemälde augen, ift und nicht Mar. Es ift erfriichend nad einem folchen ild eine ſolche fröhliche Kinderfchaar zu betrachten, wie fie uns Mol Ling in feinen „Liedern ohne Worte” bietet. Der Naturalismus, dem Hans Looſchen anhängt, fann uns nicht mit der Rohheit feines enitandes in dem Bilde Erwiſcht“ verjöhnen. Cine alte ‚rau, wahrjcheinlich die Mutter, fieht ſich veranlakt, ihren ungerathenen Spröpling zu züchtigen, was diejen zu fchleuniger Flucht veranlaft. Eine verhängnigvolle Schwelle bringt den Jungen zu Fall, wobei ihn die Frau „erwifcht“ und nun zu einem fräftigen Schlage ausholt. Wenn fie jedoch mit der Fauft, die fie macht, zujchlägt, jo trägt der Junge mindeftens eine ſchwere Verwundung als Zeichen mütterlicher Liebe davon. Der „Zaftnachtsgaudi” von Ferdinand Meyer läßt das fröhliche Leben, das das Feſt mit fich bringt, volljtändig ver- miſſen. Meyerheim ift durch ſechs Sachen vertreten, von denen ung ur „Die Zigeuner“ und „Schloß Tarajp“ gefallen wollen. „Früh finas-Sinfonie“ erfcheint im der Kompofition zu wenig geſchloſſen, craſcht aber durch das weißkalte Kolorit. Armſelig iſt Mar el. mit feinem „Italien“ getauften Bild. Warum ber nackte tjunge, der aus ſchwarzbraunem Hintergrund emportaucht, Italien -räfentiren foll, ift unverſtändlich. Defto mehr erfreut Otto Pilg feinem „Altweiberfommer" und dem, Faulpelz“. Theodor Raueders emitenfreundfchaft“ erwirbt ſich viel Zreunde, ebenſo Riefitahls wernbeputation“. „Das Pidnid aus der Rokokozeit“ von Felix 6

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Schurig erwärmt feinen. Ebenfo reizend wie Fein ift Shades „Mut- terglüd”. Franz Skarbina wird in feinem Realismus immer kraſſer und abftoßender, „Boulevard de Clichy“ ijt noch erträglich, weniger die „Wäfcherinnen in Pont Aven“. Henri Suyfens „Doppelte An- ziehung“ iſt abfolut unverſtändlich. „Die Zecher“ von Valentini und „Ein Gruß“ von Hermann Vogler erfrifchen durch die Frifche der findung und der Sorgfalt der Ausführung. Auch in dem Bilde Warihmüllers „Ein Liebesmahl“ tritt ums eifrige® Studium und technifches Können entgegen. Paul Weimars „Kaffeeklatjch“ ift nur theilweife gelungen; dennoch ift e8 ein erträgliches Werk der modernen realiftiichen Schule. „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ ift der Bor- wurf eines größeren Bildes von Konftantin Fendel. Wenn auch viele nicht werben die Auffaffung des Malers theilen können, fo iſt dies Werk doc) eines der vorzüglichften Werke auf der Ausftellumg; die gute, dramatiſch beivegte Kompofition, wie das blühende Kolorit | fidern ihm eine gute Aufnahme. Eine ergreifende Figur ift der alte jater, mit een jebrochener Haltung das reiche Koſtüm einen wirt ſamen Kontrajt bildet. Dafjelbe friiche Leben fpricht auch aus dem ‚weiten Bilde Fendels „Ueberfall“, einen jungen Edelmann darftellend, der mit gezüdtem Schwert fein Weib und Kind gegen aufrürerifche Bauern vertheibigt, die Einlaß in das Sätafgimmer fordern. —R in der Ausführung erreicht dies Werk nicht Das vorige, ftörend ift auch die falte Tongebung.

An mittelmäßigen Porträts fehlt es in dieſem Jahre ebenfo- | wenig wie früher. Hervorragende Leiftungen find ſehr gering und - verbanfen Meiftern ihr Dafein, von denen wir längft an gediegene Werke gewöhnt find. In feinem andern Fache der Malerei exifti B viel Manier und Nachahmung wie hier, dazu tritt eine gefuchte

tiginalität, die zur Karikatur herabfinft, das zeigt ſich Gefonbens bei fogenannten Studienköpfen.

Gottlieb Biermann ift mit einem Herrenporträt gut vertreten. Vorzüglich entzüdt er durch das durch eine Brille blickende geift- fe ende Auge. Ein weiblicher Stubienfopf gehört zu ben beften er Auzftellung. Eduard Daelen erweiit ſich mit feinem Damen- porträt als ein guter Atlasmaler. Mit dem Namen Defenger iſt unzertrennlich die Gradheit und Herzlichleit des tyroler Volkes ver⸗ knupft. Sein „Kopf eines alten Tyrolers“ überraſcht aufs neue durch die Klarheit der Charakteriftit und durch die Wahrheit bes Kolorits. Dagegen hat ein jeder andere einen ſchweren Stand.

ellquiſts Selbjtporträt ift zwar padend und treffend, doch ift feine

‚arbengebung zu unnatürlih und falt. Guſtav Gräf ift vielk zur Zeit der größte Iebende deutjche Damenmaler. Davon überzt uns jede Ausstellung aufs neue. Das „Porträt einer Dame“ einem rothen leide fteht an der Spige feiner Bilder. Im Wärme bed Kolorits erinnert e8 an ben verftorbenen Guftav Nic Graf Harrachs Bild ift faſt zu virtuos und glatt, beſonders Gegenfag zu Nils Gudes breit und kraftvoll Hingemaltem He

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ı porträt. Curt ae ift in der Behandlung etwas hart. Ein } gutes Zeugniß ſiellt fi) Adolf Holm mit feinem fcharf dharakteri- ren Fr aus. Er nähert fich damit bedeutend der Auf- jung Zen . , Am nãchſien fteht Gräf als Damenmaler Konrad Stiefel, davon zeugt fein Damenporträt. Durch eine vornehme Leiftung iſt Ludwig Knaus vertreten. Großen Einorud macht Mar Koner mit einem ; weiblichen Porträt. Die Dame figt in ganzer Figur in einem Lehn- » fiabl; mit Geſchick find die Farben des blauen leiden, des rothen | Teppiche und des grünlich-gelben Hintergrundes zu einer harmoniſchen gdarbenwirkung zulammengeftimmt, aus ber fi) der geiftreiche, an⸗ mutige Bopf um fo wirfungsvoller abhebt. Der eigene charakteriftiiche Kopf Koners befindet fich auf der Ausstellung von Frau Sophie Koner gemalt, der volle Anerfennung verdient. Gar nicht zu befriedigen ver- mog May Michaels Kindergruppe ſowohl im Ausdrud, wie im Ton. Interefjant ift ein „Weibli Kopf“ von George Moffon, deſſen ſchelmiſches Augenpaar in die Welt laden und unwillkürlich be zaubern. Auch fein Herrenporträt ift anzuerfennen. Wenig befriedigt - Bilme Barlaghys „Porträt des Dichters Eduard von Vauernfeld“, weil es die Individualität des Fucptonren Dramendichterd vermifjen läßt. Fritz Paulfen tritt nur mit Bildniß der Frau von H. Paſcha, als bedeutender Porträtift auf. Anmuthige Studienköpfe hat Johanna von Prigelwig ausgeftellt. Vergeiſtigende Charafteriftit und leben- fprübendes Kolorit ſind die Haupteigenichaften Saft Richters. Er ſieht darin von den lebenden Malern feinem großen Namenövetter am nachſten. Gehoben wirb der Eindrud noch durch eine glänzende Beherrſchung der Technik, wie fie ſich in feinen diesjährigen Bild- niffen äußert. Ganz eigenartig ift die Auffafjung Saßnicks in dem Borträt des Prinzen Georg von Preußen. Der Vigter-Peinz lehnt . in einem Sefjel, das Kinn auf die Hand geſtützt; das ſinnende Auge verräth die edle DVegeifterung, die den Prinzen für alles Schöne lüht. Sichel ift der Dichter unter den Porträtmalern; er zau- bert in jeine Studienköpfe eine jo eigenartige poetifche Verklärun— Sinein, die feinen Bildern einen fo jeltjamen Reiz verleiht. Dabei bleibt er ſtets ungefucht und anmuthig. Seine reizende „Yum Yum* verdankt jedenfalls Sullivans berühmter Operette „The Mikado* ihr Dafein. „Fate“ ift eine liebenswürdige Orientalin, die im Bewußt- ki ihrer Schönheit in die Welt lacht. Karl Sterry mit feiner Drientalin wirkt Dem gegenüber geradezu nüchtern und troden. In ihrem „Männlichen Porträt“ entwidelt Jofephine Merz eine Energie % Tuzdruds, um welche fie mandjer Maler beneiden könnte. Sie darin allerdings zu weit und Dadurch verliert fie an Wahrheit Individualität. Diefe findet fich in Ausgefprochenem in Vogels rät des Bürgermeiſters Dunfer. Eines der vorzüglichiten Bild- vielleicht das Beſte, Hat der Belgier Emile Vonuters in ber meß Goffinet ausgefteit In ber eindringlichen Lebendigkeit und ’schten Natürlichleit gleicht es faft Herfomers Miß Grant.

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86 Bie Serliner Kunftausftellung.

Von ähnlicher Wirkung ift deſſelben Künſtlers Baron Goffinet. Weniger fann uns fein junger maroffanifcher Fiicher gefallen. Karl Guffow hat in dem Porträt Wallots wieder ein Kabinettjtüc feines Konnens geliefert. Mit welcher vollendeten Sicherheit Guffow feine breiten Pinfeljtriche Hinfeßt, ift bekannt, aber in wenig Köpfen hat er damit eine ſolche Lebenswahrheit erreicht wie in diejem. Dieſem ähnlich ift das Bildniß Julius Wolff. Das Porträt feiner Dame tritt hinter diefen beiden zurüd.

Faſt die Hälfte der Austellung wird von Landſchaften gebilbet. Hier macht fid) auch am meilten die Mittelmäßigfeit breit. Wenn- gleich die naturaliſtiſche Richtung ſich Hier auch Geltung verfchafft hat, jo ift biefelbe doch von fol 93 Verirrungen frei, wie ſie die Genremalerei aufweiſt. Andreas Achenbachs „Einlaufender Dampfer“ iſt in erſter Linie zu nennen. Sorgfältiges Studium und liebevolles Eingehen in bie Natur bezeugen Brökers Miniaturen. Eine ſchwer⸗ müthige Stimmung athmet Dielitzs „eben ftinimung‘, nod) mehr aber Begas „Heimkehr“. Vielleicht aus dem letzteren ſchon die Ahnung des nahen Todes. Die eigenartige Schönheit einer nord⸗ deutfchen Mondnacht findet in Douzette ihren poetifchen Verklärer. Eugene Dückers „Abend am Meer“ ift ein Eoloriftifches Meijterftüc, das od) burc) die ausgezeichneten Aquarellen feines Meifters ergänzt wird. Otto Sindings Kofotenbilber find von Gurfitts gerbitaus- ftellung befannt. Mit mehr oder weniger Glüd hat eine Reihe von Künftlern bajfetbe Motiv behandelt, am hervorragendften Hermann Eichte, über deffen eigenthümliche Farbengebung man allerdings nicht fortkommt. Böcklin ift weber im SKolorit noch in ber Erfindung derfelbe wie früher. Seine „Duelle“ ift wenig bedeutend. Cine töftliche Schilderung unſerer heimifchen Wälder Liefert Flickel in feines „Birkenlandfchaft“. Norwegen findet fteigende Bewunderung

Maler. Davon zeugen die glänzenden Schilderungen Grebes, Normannz mit feinem wunderbaren Kolorit, Rasmuffen, Hans Gudes in kinen prachtvollen „Sommerabend in einem norwegijchen Hafen“ u.a.m.

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